Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 9 (18.6.1833)
- Date
- 1833-06-18
- Page
- Seite 71 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Weise beiläufig zu besprechen keine Gelegenheit finden sollten, werden wir zuletzt besonders zurückkommen. Motive und Folgen der Reaktion. Wir haben uns bisher darauf beschrankt, die Thatsachen deS Verfahrens der Preußischen Regie, rung gegen ihre Mischen Unrerthanen lediglich zusammenzustellen ohne eine Kritik, die unvermeidliche etwa ausgenommen, welche in der Darstellung selber enthalten ist, beizufügen, ohne in die Ergründung und Würdigung der Motive, auf denen es beruhte, in eine Abwägung der Folgen, die es herbeiführen mußte, einzugehen. Das letztere zn thun, liegt uns jetzt, wenn wir dem uns Vorgesetzten Zwecke genügen wollen, als eine unabweisliche Pflicht ob. Diese Prüfung ist eben so schwierig, als sie wichtig ist. Jener Rückschritt ist eine geschichtliche Thatsache ge, worden, und je befremdender, je einziger Ln ihrer Art, je schärfer tiefe mit den Fortschritten des Jahrhunderts ist, desto ernster und dringendem wird die Geschichte nach ihren Gründen, nach ihrer Erklärung fragen. Wir haben neuerdings gesehen, wie im Englischen Unterhause, als sich ein Redner auf das Beispiel Preußens als eines derjenigen Staaten, welcher die Juden emaneipirr habe, berlef, ein Anderer ihm nach eingezogenen Erkundigungen die dem Gesetze widerstreitende AnwendmU, die Aufhebung seiner freisinnigsten Bestimmung entgegenPett. Wenn ein solches Argument nicht unserer Sache nachtheilig werden, wenn es nicht zu trügerischen Schlüffen über die m der Erfahrung wahrger nommenen Restlltare der Emaneipation Veranlassung geben soll, so müKn wir die Reaktion, ihre Bedeutung und chre Motive Aar M erkennen Md deutlich zu charakterifiren suchen. Man könnte sagen, wenn wir uns über Recht oder Unrecht der vollzogenen Thatsache selber hinlänglich ausgesprochen, so könnten uns die subjektiven Motive, die dabei vorgewaltet- Mchgültig sein. Wenn aber jene Motive, irrig aufgesichtunserer Sache in den Augm der Menschen schaden könnten, ist es dann nicht nnsere Pflicht wie unser Rechst sie zu erforschen und darzulegen? Wenn Einer, da es flch von der Gleichstellung der Bekenner dE christlichen Lonfessionen handelte, sich, um gegen dieselbe zu argumenkiren, auf den Vorgang des Widerrufs des Edikts von Nantes berufen wollte» welcher von einem Könige auSgegangeN, der zur Zeit seines Glanzes von Vielen groß undgut und iveise genannt worden: würden flch nicht tausend Stimmen erheben, um siegreich darzuthun, daß jener Widerruf nicht ein Werk der Staatsklugheid, der Sorge für das Wohl der Unrerthanen, des Strebens nach der Erhaltung nationaler Einheit, sondern ein Werk der aus Fanatismus und Heuchelei zusammengeschtm Bigotterie eines durch Wollust entnervten Hofes gew« seu? — So lange ein ungerechtes Prinzip das herrschende ist, rechnet man ihm, wie einem Tyrannei, seine Unthaten selber als Trophäen an und beweist feine Rechtmäßigkeit aus seinen Usurpationen, seine Weisheit aus den Thorheiten, die es begangen. Wer aber das Unrecht bekämpfen will, der muß es in seinem wahren Lichte zeigen; der muß ihm als das Maaß, an welchem es gemessen werden soll, nicht sein eigenes Spiegelbild, sondern das ewige Recht und die Wahrheit Vorhalten. Die moralische Thatsache nun, welche mir hier als die wichtigste zu kontastiren und auszutzrechen haben, ist die, daß die bezeichuete Reaktion nicht aus der Erfahrung, sondern aus einem allmahlrgen Wechsel der Gesinnung und zwar lediglich der Gesinnung über das Verhältniß der Rekigron zum Staate und z ü dm Bsrtherlen, die er gewährt, hervorgegangen. Wer flch davon überzeugt hat, der mag über die eine oder die andere Gesinnung denken, wie er will, so wird er jedenfalls Denen die Schuld der Umstimmung nicht beimessen, deren edelste Hoffnungen ihr Opfer gewordendamit wäre wenigstens der nachtheiügsten Folge, welche jener Rückschritt für uns haben könnte, vorgebeugt. Die Verhältnisse und der ganze Gang der Sache sind aber so höchst einfach, daß Jeder, der sie unpartheiisch in's Auge fassey will, sich nicht darüber täuschen kann. Man hatte den Juden eine Aussicht auf mögliche Zulassung zum Staatsdienst eröffnet; Viele hatten dieser Aussicht vertraut, und die Jahre der Vorbereitung darauf gewandt, sich zu manntchfachen Zweigen des Staatsdienstes geschickt zu machen; man entzog ihnen jene Aussicht, und machte ihnen den liebertritt zur christlichen Kirche zur Bedingung jeder praktischen Wirksamkeit; hatten sie jene Bedingung erfüllt, so