Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 2 (19.4.1833)
- Date
- 1833-04-19
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Gefühle oft ein inhumanes, daß sich der Liebe oft Haß wie ein verderbliches Schlingkraut angeschmiegt har, daß sich der Vaterlandsliebe oft Nationalhaß, der Liebe zu der eigenen Religions-Gemeinde Haß gegen fremde Konfessionen beigesellt hat. Solcher tödtlichen Beimischung muß sie sich freilich entledigen: Das fordert die Menschlichkeit, keinesweges aber, daß sie, die Liebe selbst, mit dem Hasse untergehe, durch dessen Ausscheidung sie erst zu ihrem wahren Glanze gelangt. Denn die Liebe ist das Lebensprinzip eines jeden Verbandes, der die Menschen an einander halt, möge er nun auf der Natur, dem Staate oder der Religion beruhen. Wehe daher einem jeden solchen Verbände, wenn die Liebe in seiner Mitte erloschen ist! Mit ihr entweicht die Einigkeit des Willens, die freie, aufopfernde Hingebung, der Dank für die fremde, die Freude an der eigenen Leistung; nur der Anspruch auf Dankbarkeit für das Geleistete wachst. Wehe uns, wenn unsere inneren Verhältnisse sich der Aehnlichkeit mit den Zügen dieses traurigen Bildes näherten! Wohl uns, so lange die nöthige Wirksamkeit für die würdige Erscheinung unserer Religion, für die bürgerliche Befreiung ihrer Bekenner uns neben dem Bewußtsein der Pflichterfüllung noch Freude, innere Befriedigung und allen den Lohn gewahrt, welchen die Liebe durch das Gedeihen ihres zärtlich gepflegten Gegenstandes empfangt! Nun giebt es freilich eine Richtung — und wir sind weit entfernt, sie zu verkennen oder ihren Werth herabzusetzen — die vor allen Dingen nach der Ausgleichung altes Besonderen, nach der Versöhnung aller Gegensätze strebt. Wir können diese Richtung im Ganzen wohl als die der fortschreitenden Bildung angehörige bezeichnen, und wir erkennen in ihrem letzten Ziele allerdings ein überaus wünschenswerthes und der heißesten Bestrebungen würdiges: das Eine, für Alle gleiche Ideal menschlicher Vollkommenheit. Aber welcher Weg nach diesem Ziele einzuschlagen sei, wie sich jenes Ideal zu allen den vorhandenen Besonderheiten in Ansicht, Glauben, Sitte und Gemüthsart verhalte, was es von ihnen zu Behufs ihrer 7tnnaherung an dasselbe erheische — das ist die Frage. Der zwiefache Weg, der sich uns hier darbietet, ist der der Veredlung und der der Verlaugnung. Wir halten den ersteren für den zweckmäßigeren, für den naturgemäßeren, für den würdigeren; der zweite aber weiß nur zu leicht da die Wahrheit für sich zu gewinnen, wo neben den idealen unabweislichen Forderungen noch eine andere vom Ideale nicht minder weit abstehende, aber mächtigere Richtung uns von dem eigenen Wege abzieht. Fragen wir nach den Elementen, die eine besondere Bildung, welche sich auf einem eigenthümlichen Wege jener allgemeinen menschlichen zu nähern hat, zu erzeugen im Stande sind, so zeigt sich uns als das stärkste und vorherrschende die Nationalität. Niemand wird läugnen, daß eine Gesammtheit, durch Boden, Gesetz und Vaterlandsliebe vereinigt, eine Eigenthümlichkeit in Bildung und Sitte nothwendig haben muß. Ein zweites, weit schwächeres, aber dennoch nicht bedeutungsloses und selbst in unseren Tagen nicht zu verkennendes und wegzulaugnendes Element der Art ist die Religion. Ich theile daher das Streben Derer nicht, die e§ sich in Beziehung auf unsere Glaubensgenossen zur höchsten Aufgabe gemacht haben, und es als das unerläßliche Ziel aller Bestrebungen dieser Art ansehen, alles E:- genthümliche in Sitte, Ansicht und Bildung ohne Ausnahme, was sich der Religion beigesellt hat, von Grund aus zu vernichten und die Religion so wie die auf ihr beruhende Gemeinschaft auf diese Weise aus aller Beziehung zum Leben herauszubringen und in eine trostlose Einsamkeit zu isoliren. Daß ein solches Streben lange Zeit herrschend war, daß es vielleicht noch jetzt von der Mehrzahl der Gebildeteren unter unseren Glaubensgenossen gecheilt wird, ist eine leicht erklärliche, natürliche Erscheinung. Wenn ein verschlossener Raum, in welchem sich Menschen bewegen, lange Zeit dem Eindringen der äußeren Lust unzugänglich war, so wird den innerhalb desselben Befindlichen der Zustand so unerträglich, daß sie keinen anderen Wunsch empfinden, als den, durch eine wiederhergestellte Verbindung mit der äußeren Atmosphäre die dumpfe Stubenlust zu erfrischen und zu erneuen. Aber werden wir Den weise nennen, der in dem Taumel der ersten Freude die Fenster, die er beliebig öffnen und schließen und wieder offnen konnte, gewaltsam zerschlagt, so daß er nun jeder Einwirkung voll außen, jedem Einflüsse der Witterung ohne Wahl und ohne Schutz preisgegeben ist? Das 9*