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Der Jude · 1833-01-29 · Heft 25 (29.1.1833) · p. Seite 195

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 25 (29.1.1833)
Date
1833-01-29
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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V 195 Schleiermacher die erste Stelle einnimmt, welche jenen Gegensatz selber, als dem Wesen des Glaubens zuwiderlaufend, laugnen! Welche Concesstonen werden von allen Seiten, und besonders von den Rationalisten, gemacht, welche Opfer werden gebracht, um in jeder Kirche das allgemeine Band^zu erhalten! Wie deutlich spricht sich darin die Ueberzeugung aus, daß eine Trennung nicht, wie Ln früheren Jahrhunderten, die Erzeugung frischen Lebens, sondern ein zwiefaches Absterben und ein endloses Zersplittern zur Folge haben würde! Und ein schwaches Häuflein sollte seine Religion der Gefahr aussetzen, welche von der mächtigen, herrschenden gescheut wird? — Es wird mir hoffentlich Niemand im Ernste die Einwendung machen, daß es sich dort nur. um spekulative Wahrheiten, bei uns um praktische Jntereffen handle: gerade dieser Umstand spricht ganz besonders für mich. Wir haben es hier nicht zu untersuchen, in wie weit der Vernunft in den Angelegenheiten der Religion die entscheidende Stimme zukommt; aber das ist doch gewiß anzunehmen, daß ihre Stimme gewichtiger ist, als die des äußeren Vortheils oder der Bequemlichkeit. Die Trennung einer rationalistischen Ansicht von der ihr entgegengesetzten zu einer besonderen Kirche ist wenigstens etwas an sich denkbares, wenn auch , wie es scheint, innerhalb des Gebietes einer positiven Religion unausführbares/ und bis jetzt kaum irgendwo versuchtes. Eine Trennung aber, die lediglich darauf beruhte, daß die sich trennende Parthei ein Moment des Nutzens, der Bequemlichkeit höher anschlüge, als die andere, ist etwas an sich widersinniges, und eine solche Bequemlichkeits- Religion würde nicht Lebenskraft genug für die Dauer eines Jahres in sich, tragen. Die in dem Vorhergehenden gegebene Austastung führt uns auch dazu, die Forderung einer Reform, als vom Staate, von der gesMebenden Gewalt, ausgehend, von einer neuen Seite zu betrachten. Wir haben nämlich gesehen, daß das, was eine solche Reform, wie die Verlegung-des Sabbaths begüvstDt, der indivi - duelle Wille ist, was sich ihr aber hindernd entgegenstellt, in den nothwendigen Bedingungen^ einer religiösen Gemeinschaft liegt, ^ßs drängt sich Ms daher ganz natürlich die Fragd auf, woher es den» komme, daß der individuelle Wille an diese Bedingungen dermaßen gebunden Hi^-baß er sich nicht ganz und gar. pon ihnen emancipiren und unbekümmert um das Thun Anderer und um den gedeihlichen Zusammenhang des Ganzen, sich seiner Freiheit bedienen könne? Wenn die Gemeinde als solche den Sabbath nicht verlegen, die Speisegesetze nicht abschaffen kann, warum können es Einzelne nicht förmlich und öffentlich thun, wie sie es der That und der individuellen Ueberzeugung nach längst gethan haben mögen? Liegt das Hinderniß, warum das nicht geschehen kann, oder doch jedenfalls, wie wir sehen, nicht geschieht, m unserer eigenthümlichen Verfassung, in unseren besonderen Verhältnissen, so daß in 'ihrer Abänderung die Abhülfe zu suchen wäre, oder liegt er in etwas Anderem und worin? Die Antwort ist nicht schwer zu geben. Das Hinderniß liegt lediglich darin, daß der Staat den Grundsatz festhält, daß sich jeder Unterthan zu einer in äußerlich sichtbarer kirchlicher Form bestehenden Religion bekennen müsse, daß er also ein förmliches Heraustreten aus dem Verbände einer religiösen Gemeinschaft nur dann duldet, wenn damit ein Hinübertreten in eine andere, oder die Bildung einer neuen hie, Bedingungen der öffentlichen Anerkennung, also mindestens der äußeren Erkennbarkeit in sich enthaltenden verbunden ist. Es ist mithin der Staat selber, welcher dem Individuum "die förmliche Lossagung.von solchen Religiyns - Einrichtungen, die in seinem Auge oder dem des Gesetzes unzweckmäßig und lästig erschein, verbietet: welch' eine unerhörte Untätigkeit begeht er also, wenn er von der anderen Seite ihm dieselbe Einrichtung, an die er ihn bindet, zur Last legt, und sie zum Vorwand^ vorenthaltener Rechte macht! Wir wollen einmal annehmen, es antwortete ein sehr aufgeklärtexMadischer oder Sächsischer Jude, an den solchz' Zumuthungen von seiner Regierung gestellt wordW, ungefähr wie folgt: f „Was wollt Ihr von mir? Ich soll am Sabbath arbeite", die Speisegesetze nicht halten, das Gebot der Beschneidung nicht? Gut, ich arbeite am Sabbath, ich esse alle Speisen ohne Unterschied, ich habe längst meine Söhne nur gegen meinen Willen beschneiden lassen. Ihr sagt, manche unter den Juden verbreitete Grundsätze wären Euch nicht recht; ich sehe das freilich nicht ein, und habe von den Grundsätzen, von denen Ihr da redet, nie eine Spur wahrgenommen. Jndeß 25*

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