Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 22 (28.12.1832)
- Date
- 1832-12-28
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 äußeren Merkmalen bestimmt zu erkennenden, in dem Boden einer mächtigen politischen Einheit tief wurzelnden Nationalität. Die Sache ist auf diese Weise leicht erklärt. Was die Juden national von anderen Nationen zu trennen scheint, ist nichts wirkliches, es ist ein Traum, ein Bild, ein flüchtiger Schatten der Erinnerung, höchstens eine Sehnsucht überirdischer Frömmigkeit; es ist nicht das frische Leben der Gegenwart, es sind die. Gräber der Vorzeit, in denen die Scheidewand ruht. Jenen anderen Nationen aber ist ihre Nationalität die wirklichste aller Wirklichkeiten, gegen welche jene wesenlosen Momente wie ein matter Schein verschwinden. Dem Deutschen hingegen ist seine Nationalität selber mehr ein Bild, ein Schatten, ein Traum der Erinnerung, eine Sehnsucht der Zukunft, als eine wahrhafte Wirklichkeit; weil er jene Nationalität im Bereiche des kräftigen, thatenreichen Lebens nicht bewährt findet, steigt er in die Gräber hinab, sie zu suchen, und aus den Gräbern bringt er den Haß und das Vorurtheil und die Sonderung mit in das Leben zurück! Wollte Gott, es erblühte auf dem Boden des gesammten Deutschlands ein wahrhaft lebendiges vaterländisches Streben, das sich kund thut in dem gemeinsamen Wirken und Schaffen im Sinne eines alle Seelen durchdringenden Gedankens der Freiheit und des Gemeinwohls: dann würde auch uns bald geholfen sein; dann würde man nicht lange mehr mit uns markten um das bischen Recht, für uns so unendlich viel, so unendlich geringe für Die, die es gewahren Men! Wenn das Vaterland der Kräfte seiner Söhne bedarf, warum sollte es dann die nicht annehmen, die sich ihm darbieten, ohne mehr zu verlangen, als daß es sich ihrer, so wie der anderen , bediene? Das ist eben die schönste, erhebendste Seite der Vaterlandsliebe, des Strebens für das Gemeinwohl, daß dieselben Kräfte, die sich sonst in ihrem selbstsüchtigen Treiben oft hemmend und störend beengen, manchmal selbst feindlich berühren, — gleich Brüdern, die über die Erbschaft des Vaters, der im Grabe ruht, sich befehden — daß dieselben Kräfte, von der Liebe zum Vaterlande geleitet, in inniger Vereinigung, gleich Brüdern, die für die lebende Mutter arbeiten, nach einem Ziele streben. Von diesem Standpunkte aus gesehen, erscheint die Versagung der Befriedigung unserer Ansprüche mir oft als etwas ganz unbegreifliches, undenkbares. Guter Gott! was verlangen wir denn so Großes, wenn wir gleiches Recht in Anspruch nehmen? Etwa ein Geschenk? eine Gnade? eine Gabe, die wir nicht erwiedern? einen Lohn ohne Arbeit?. Wird denn nicht, wenn uns das Recht erst gegeben ist, jeder Einzelne von uns um jeden Lohn , um jede Gabe arbeiten müssen, wie si'ch's gebührt? Bieten wir nicht unsere ganze Kraft sammt unsrem Blute, wenn das Vaterland dessen bedarf, gleich jedem anderen Bürger, als den Preis des Rechtes dar, daß man uns gleich Bettlern zurückweisen könnte? Bedarf denn die Gesellschaft, bedarf der Staat nicht der Kräfte, die sich ihnen darbieten, eben so gut, wie diese Kräfte ihrer bedürfen? — Aber das ist eben das Uebel in den Verhältnissen kleiner Staaten, daß dort alle Kräfte so in einen engen Raum zusammengedrängt erscheinen, daß man sie immer nach dem Ziele einer bürgerlichen Existenz sich drängen und eine Sphäre der Wirksamkeit suchen sieht, wahrend sie selten ausgesucht werden, so daß man sich leicht daran gewöhnt, in jeder Kraft, jedem Talente, jeder Fähigkeit nur einen neuen Anspruch auf Versorgung , nicht eine neue Quelle nützlichen Wirkens zu. sehen. Wem ist es in größeren Staaten je eingefallen, die Frage der Zulassung einer Religionsparthei zu politischen Rechten, zu Staatsdiensten vom Standpunkte der zu beschrankenden Konkurrenz aus zu betrachten? Wer würde sich da nicht gesagt haben, daß der Staat bei der Auswahl aus einem größeren Kreise tüchtiger Menschen nur gewinnen könne? In den kleineren Deutschen Staaten ist aber leider jene Frage der Konkurrenz die Lebensfrage geworden, und nur ein mächtiger Aufschwung des öffentlichen Lebens, ein Ereigniß, das die Entwickelung der ganzen Natt'onalkraft, d. h. aller in der Liebe zum Vaterlande vereinigten individuellen Kräfte erfordert, könnte die Frage mit einem Male von diesem schmutzigen Terrain hinweg versetzen. Fassen wir den Begriff der Nationalität vom Standpunkte derjenigen Nationen, wo die Emancipatwnsfrage längst erledigt ist, wie in Frankreich und den Niederlanden, oder wo dpch, wie in England, die bestehenden Beschränkungen in der Meinung des Volkes gar keine Wurzel mehr haben und nur auf Formen beruhen, die man nächstens um-