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Der Jude · 1832-12-28 · Heft 22 (28.12.1832) · p. Seite 174

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 22 (28.12.1832)
Date
1832-12-28
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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174 lich die Traditionen der vorigen verläugnen und den entgegengesetzten Weg einschlagen, in diesem Einen Punkte aber in wunderbarer Harmonie in den Aussprüchen jener die Orakelsprüche der öffentlichen Meinung erkennen und verehren würde. Die Freiheitsmänner von 1831 mögen sich dann in stiller Freude durch den fortwährenden Judendruck für den dauernden Preßzwang, Zehntlasten und ähnliche Mißbrauche entschädigt halten! Jenes egoistische Freyheitsgefühl aber, wenn auch keinesweges werthlos, scheint uns doch für unsere Zeit ohne die Verbindung mit liberalen Grundsätzen machtlos und unfähig zu jeder lebendigen politischen Schöpfung zu sein: schon darum, weil es, durch die Macht des Zeitgeistes zur Heuchelei gezwungen, die Freiheit Anderer nicht geradezu ignoriren und als völlig außer dem Bereiche seines Strebens liegend betrachten darf, wie es Lm Alterthume und im Mittelalter möglich war, sonderri die Forderungen des Princips durch schnöde Sophismen und Verdrehungen zu umgehen genöthigt ist: ein Verfahren, wodurch es sich herabwürdigt und den Glauben an seine Wahrheit und Treue vernichtet. Und so mag es denn sein, daß die waltende Nemesis nach der Aufrichtigkeit der Gesinnung, wie sie sich in der geringfügig scheinenden Angelegenheit bewahrte, die Innigkeit des Strebens und den ihm gebührenden Erfolg auf dem größeren Gebiete abmißt! Scheint es doch, als wäre die Blindheit, womit jene richtende Wacht ihre Opfer umhüllt, in dem unklugen Verfahren jener Männer wahrzunehmen, daß sie den Vorurteilen des Volkes schmeichelten, indem sie es zum begeisterten Kampfe für Grundsätze entzünden wollten. Nicht iede Volksaufregung führt auf den Weg zur Freiheit. - Der Pöbel, der an dem Richtplatze des edlen Riege jauchzte, und durch die schmutzigen Gaffen Madrids: „es lebe der absolute König" rief, der war auf gleiche Weise aufgeregt, wie der P^bel von Mannheim und Karlsruhe, an dessen Aussprüche gegen die Juden Paulus appellirt hat; aber jene Aufregung war freiheitsmörderffch wie diese, und beide waren gleich wenig geeignet, einen Kampf für konstitutionelle Prinzipien zu beleben. Ein Volk,-, das noch erbärmlich genug ist, in der Unterdrückung einer schwachen Minderzahl seiner Mitbürger eine Befriedigung zu finden, sie für einen Vorzug, für ein Recht zu halten, das wird nimmer aufstehen für die verletzte Gleichheit vor dem Gesetze , die es täglich mit Füßen getreten zu sehen gewohnt ist; das wird sich nimmer für die Freiheit der Presse, für die heilige Waffe des Schwachen gegen den Mächtigen, erheben. Die Wahnsinnigen, .die da glauben, eine jede Gährung in den Gemächern des Pöbels, jede Leidenschaft, jeder Haß ließe sich im Nothfalle benutzen, um das Volk „aus die Beine zu bringen," und die auch in dem Judenhasse ein solches Moment sehen, mögen sich der mhaltschweren Erfahrung des Jahres 1819 erinnern, wo Deutschland fast um dieselbe Zeit durch das verächtliche Possenspiel eines Judenspektakels im 19terz Jahrhundert und durch einen ohne den leisesten Widerstand geführten Todesstreich gegen seine kostbarste Freiheit zwiefach entwürdigt wurde! Wenn übrigens in manchen Theilen der vorliegenden Verhandlung so wie in manchen Schriften der letzten Jahrzehenden das unselige Streben sichtbar ist, die Sache Deutscher Nationalität mit der Forderung der rechtlichen Gleichheit der Juden in einen erkünstelten Zwiespalt zu bringen, so setzen wir diesem Streben die feste Ueberzeugung gegenüber, daß wir gerade von der Belebung und Erstarkung jener Nationalität den Sieg unserer Sache zu hoffen haben. Wir Deutschen haben gewiß vor den Franzosen, Engländern und Holländern manche Vorzüge und namentlich den einer universelleren Bildung voraus; daß wir sie aber gerade an Stärke und Lebendigkeit des Nationalgefühls übertreffen, wird man, mindestens mit Rücksicht auf unser Dasein als das eines politischen Ganzen, schwerlich behaupten wollen. 'Woher nun gerade bei den Deutschen jene zarten Skrupel wegen der Jüdischen Nationalität, die wir bei jenen anderen Nationen durchaus nicht wahrnehmen? An dem äußeren historischen Verhältniß der Juden zu den Deutschen kann die Sache nicht liegen, denn die Juden wohnen seit viel längerer Zeit unter den Deutschen, als unter jenen anderen Nationen; sie sind meistentheils aus Deutschland zu jenen hingewandert, und — seltsam genug! — der größere I. Theil der Französischen, Holländischen und Englischen Juden spricht bis auf den heutigen Tag Deutsch. Worin mag also der Grund jener befremdenden Erscheinung zu suchen fein? Wir antworten : eben in dem Mangel an einer festen, starken, konkreten, an

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