Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 20 (14.12.1832)
- Date
- 1832-12-14
- Page
- Seite 156 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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156 geben könne. Bald bezeichnen sie damit absolut unredliche/verbotene, wucherartige Geschäfte, bald den dürftigen Kleinhandel, der an sicherlaubt und unschädlich, doch von Vielen für unnütz und überflüssig gehalten wird, so daß sie meinen, er müsse von Staats wegen möglichst gehemmt werden,' bald aber auch, in so fern er von Juden betrieben wird, allen und jeden, auch den redlichsten und unentbehrlichsten Handel, ungefähr auf die Weise, wie man einen Geistlichen einen „Pfaffen" nennt, wenn man den Stand verächtlich machen will. In diesem Labyrinth giebt es nur Einen Faden, der den Beobachter wie den Gesetzgeber zu leiten im Stande ist, nur Ein untrügliches Kriterium, an welchem wir erkennen können, wer es redlich meint, wer nur das Gute fördern und dem Nebel steuern, oder wer im Trüben fischen will, und für verborgne Absichten einen Deckmantel sucht — das ist das Recht, das gleiche unparteiische Recht, das die Person nicht kennt, das über den Irrungen und den Interessen der Menschen erhaben schwebt, mit Einer Wage wägt, und mit Einem Schwerdte richtet! Wir sind sehr weit davon entfernt, in irgend einem hierher gehörigen Punkte die Milde und Nachsicht der Gesetzgebung in Anspruch zu nehmen; wir wünschen vielmehr, daß die höchste Strenge in den Gesetzen über den Verkehr und in ihrer Vollziehung vorherrsche. Aber das verlangen wir und das werden wir nie aufhören zu verlangen im Namen des heiligsten Grundsatzes der Gerechtigkeit, daß das Gesetz den Thatbeständ dessen, was es schlechthin verbietet oder was es zu verhindern strebt, ohne Beziehung auf die Person und den Glauben des Thäters, wie es seiner Würde geziemt, klar und deutlich hinstelle. Aber eben diese objektive Behandlung, die allein Dem genügen kann, der wahrhaft und wirklich nur dem Schlechten und Schädlichen entgegen wirken will, es komme woher es wolle, ist es, der unsre Gegner um jeden Preis auszuweichen suchen und sie haben sehr gute Gründe dazu. Sie klagen freilich über Betrug und Wucher der Juden mit großer Vorliebe: aber glaubt Ihr etwa, sie brächten Maßregeln' in Vorschlag, die dem Betrug und dem Wucher an sich entgegen zü wirken geeignet wären? Weit gefehlt! Sie wollen nichts, als die alten Ausschließungen der Juden ftsthalten, die der Wucherer belächelt, während sie den Ehrenmann auf's tiefste verletzen; sie wollen nur eine heilige Frage der Menschenwürde und der Gewissensfreiheit durch die Schmutzmaffen, womit sie sie belasten, in den Staub herab ziehen, worin sie besser zu Hause sind; sie wollen nur durch die Unbestimmtheit, in welcher sie die Sache lassen, einen jeden Erwerb der Juden verdächtigen; mögen Betrug und Wucher, von Christen und Juden ausgehend, ihr Wesen forttreiben: wenn sie nur mit den Würdigen und Redlichen unter den Juden die Stellungen im bürgerlichen Leben, wozu sie nun gerade die Konkurrenz beschränken möchten, nicht zu theilen brauchen! — Einem der Gegner hat in der vorliegenden Diskussion sein unüberwindliches natürliches Rechtsgefühl, welches durch eine schiefe Ansicht von der Sache nicht ganz unterdrückt werden konnte, eine Aeußerung entlockt, die allein genügend ist, das ganze Gebäude über den Haufen zu werfen. In dem Vortrage des Abg. Welker, da wo er von Garantieen gegen den Wucher redet, finden sich die Worte: „Diese Garantieen wünscht er so gege- „ben, daß sie auch gegen jeden, auch nicht jüdischen Wu- „cherer angewendet werden können." Ganz recht, das ist unsere Meinung auch; wir wollen auch allgemeine gesetzliche Bestimmungen, so strenge, wie möglich, gegen den Wucher, die gegen jeden, auch nicht christlichen Wucherer — die Sache bleibt bei dem verschiedenen Ausdruck ganz dieselbe — angewendet werden können. Wenn aber das Auskunftsmittel auf diesem Wege zu suchen ist, wozu denn die ganze Erörterung hier an diesem Platze, in dieser Diskussion, die über die Frage der an die Religion zu knüpfenden Ausschließung entscheiden sollte? Wozu anders, als um den Standpunkt zu verrücken, die Wahrheit zu verfälschen, die öffentliche Meinung zu verwirren, und zur Unterdrückung Kränkung hinzuzufügen? Liegt etwa darin eine solche „Garantie auch gegen den nicht jüdischen Wucherer," daß ein Jude sich in Baden taufen lassen muß, um Offizier, um Physikus, um Universitätslehrer zu werden? — Ich habe Gelegenheit gehabt, mich in Baden nach den hieher gehörigen Verhältnissen näher zu erkundigen. Es ist leider wahr, daß die Bauern, besonders wenn sie durch schlechte Aerndten, , durch Zehnten oder durch Liederlichkeit in Verlegenheit gerathen sind, an einigen Orten mit einzelnen Juden sich in Geschäfte einlaffen, die sie noch tiefer herunterdrücken, und manchmal gänzlich ruiniren. Es ist aber leider eben so wahr, daß die Bauern in diesen Lagen eben