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Der Jude · 1832-11-30 · Heft 19 (30.11.1832) · p. Seite 147

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 19 (30.11.1832)
Date
1832-11-30
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 Genöthigt von dem, nach dem endlichen Grunde strebenden, Geiste der Wahrheit wieder umzulenken von . den Extremen der Jünglingsepoche, in welcher der Unwille über die vermeintliche Unbill übertriebener Bevormündung, und der Muthwille erwachender Selbstständigkeit und Kraft) verbunden mit dem natürlichen Leichtsinne und unerfahrener Oberflächlichkeit eben dieser Lebensepoche' alles auf den Kopf zu stellen und die Negation alles Positiven zum Richtmaaße aufzustellen kein Bedenken tragt, betritt nunmehr der Menschengeist die Region der ernsten Forschung, und der bisherige Vormund wird ihm, und muß ihm, dem Manne, Rede und Antwort stehen. Hat nun das Jünglingsalter das unbedingte Gesetz, als eine seiner fortan nicht mehr würdige, mit der Geisterwürde unverträgliche Sklaverei und Götzendienerei weit von sich geworfen: so hat das Mannesalter die Aufgabe, mit edler Besonnenheit das Thema wieder aufzunehmen; das verachtete, weggeworfme Besitzthum mit Ruhe, eindringender Kraft und mit Gewissenhaftigkeit wieder hervor zu suchen, zu prüfen, zu läutern. Die Frage stellt sich nunmehr also:-Ob die geoffenbarte Religion in der That ein dem Menschen - Geiste heiliges und ewiges Gut sein und heißen könne, und ob in ihr der große Spruch der vollendeten Menschheit enthalten, und zwar ausschließlich und einzig enthalten sei; oder ob es andere Mittel und Wege gebe, ob nicht die nicht-geoffenbarte Religion dasselbe (oder vielleicht ein noch höheres) Element der Menschwerdung und Vollendung enthalte. Fände das Letzte Statt, so ergäbe sich begreiflich ein nicht unbeträchtlicher Vortheil der ungeoffenbarten Religion über die geoffenbarte. Die ungeoffenbarte Religion nämlich ist das Resultat des jedesmaligen frommen Bewußtseins des Menschen, und der Ausdruck der Vorstellungsweise göttlicher Dinge, wie sie aus dem jedesmaligen Zustande der Gemüthsbildung natürlicherweise hervorgehen. Mithin schließt sie, weil sich das adäquate Product des Gemüthszustandes und des frommen Bewußtseins in ihr ausdrückt, jeden Widerspruch zwischen dieser äußerlichen Thmsache, der Religion, und dem innerlichen Reflep, dem Gemüthsleben, aus, oder besser: sie ist das äußerlich dargestellte fromme Bewußtsein selbst. Der BerM, dessen sie sich erfreut, ist die nothwendige Folge ihrer Natur, indem der dieser Religion ergebene I Mensch, indem er ihr huldigt, wiederum nur sich selbst, nur seinem Gemüthe, also das Gemüth sich selber huldigt und ergeben ist. In demselben Momente, als das menschliche religiöse Bewußtsein aufhörte, wenn es aufhören könnte, dieser natürlichen Religion anzuhängen, in eben diesem Momente müßte sie, als treuer Reflex der geänderten Gemüthsstimmung, sich neuerdings bequemen und in neuer Gestalt der neuen Ueberzeugung entsprechend, als äußerlicher Dienst oder als Symbol auftreten in neuer Gestaltung. An eigentlichem Streite zwischen den Thatsachen der Ueberzeugung und dem Symbole derselben ist nicht zu deBken. Nur da, wo dieses Symbol dieser Ausdruck ein wahrhaft äußerlicher, ein historisch empfangener ist; da nur ist eine Entfremdung, ja, ein Widerspruch zwischen Aeußerlichem und Innerlichem möglich; und nicht allein möglich, sondern sogar norhwendig, so lange das Aeußerliche ein streng Aeußerliches, fast möchte ich sagen, ein fremdes und aufgedrungenes geistiges Gebot ist. Die wahrhaft geoffenbarte Religion ist, im Vergleiche mit der ungeoffenbarten, eine wahrhaft äußerliche, deren Werth vielleicht höchstens geahnt wird, deren Erhabenheit in unbewußten Schauem ergreift, *) und die wohl noch öfter, wegen der Häche des Gebotes, in Gefahr gerath, verschmähet und gehaßt zu werden. Außerdem würde aber noch die nichtgeoffenbarte Religion, hätte sie anders die Wahrheit auf ihrer Seite, schon deshalb der geoffenbarten den Rang ablaufen, weil sie als fortschreitende geistige Evolution noch den Vorzug neuer Vollkommenheiten und endlicher, ungeahnter Erhabenheit, und, noch anjetzo, eines bestimmbaren Umfanges und Inhalts in sich trägt, lauter Eigenschaften, die der geoffenbarten natürlicherweise abgehen, ja die sie sogar, sich selbst getreu, *von sich ablehnen muß. Wenn nun die nichts geoffenbarte Religion in der That mit den Lehren dO *) Kant, in der Kritik der Urtheilskraft spricht in dieser Weise vom Gebote: Du sollst dir kein Bildniß machen rc. Er meint, die Erhabenheit, als begründet in unserm Moralprincipe, leide nicht durch Wegnahme aller sinnlichen Gränzen; sondern es werde die Einbildungskraft, die über das Sinnliche hinaus nichts findet, eben mit der Wegraumung alles Sinnlichen ebenfalls unbegränzt, und stelle sich auf negative Art das Unendliche dar. — Vortrefflich! und dennoch ist der Sinn noch unendlich tiefer und der Inhalt dieses Gebotes noch weit überschwänglicher. — 19 *

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