Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1832-11-27 · Heft 18 (27.11.1832) · p. Seite 140

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 18 (27.11.1832)
Date
1832-11-27
Page
Seite 140 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2542348-2542377-2542396--161-3526664
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

140 am Tage, weshalb man der nicht geossenbarten Religion keinen historischen Anfang, und nur einen historischen Fortgang beimessen könne; wogegen der geossenbarten ein historischer Anfang, aber kein historischer Fortgang zukommen kann. Will man aber im Sinne jener Theologen, von denen eben die Rede war, die nicht geoffenbarte Religion, diejenige, von der es sich nicht beweisen laßt, daß sie eins oder das andere enthält, das unserem Geiste als ein Neues, durchaus Unbekanntes, mitgetheilt ist, nicht für ein Werk der Vernunft, des höchsten geistigen Vermögens im Menschen; sondern für ein ursprüngliches Selbstbewußtsein des gesammten menschlichen Gemüths, erklären: so kann derselben noch um so viel weniger der Charakter eines historischen Factum's zukommen, weil sie ja in diesem Fall, ehe noch von einer Menschengeschichte die Rede sein konnte, obwohl noch nicht vollends entwickelt, vorhanden gewesen sein mußte. * *) Man könnte sonach folgendermaßen schließen: die geoffenbarte Religion müßte als solche (weil sie einen ersten Entstehungspunkt fordert) eine Historie haben (weil sie in und mit der Zeit fortschreitet): hat sie aber nicht, sofern die Historie eine Entwickelung bezeichnet; die Annahme einer innerlichen Entwickelung, einer organischen, wie man sie nennen könnte, laßt ihr Charakter der ursprünglichen Wahrheit und Vollkommenheit nicht zu; eine äußerliche Vervollkommnung aber, das Postulat der Reinheit und Unvermischbarkeit mit Ideen des' ursprünglichen Bewußtseins des Menschen nicht. Sie kann sich nicht in sich veredeln und reifen, und noch weniger kann der Mensch mit ihr etwas vornehmen, was Veredlung, Verbesserung, Erweiterung heißen könnte. Dieser gegenüber hat die ungeoffenbarte Religion (die des menschlichen Selbstbewußtseins, die philosophische) für sich keine Historie, kein Erstes; hat sie aber dennoch, weil sich diese nur als ein, mit der Entwickelung des menschlichen Geistes gleichen Schrittes fortschreitendes, Wissen und Wollen auffassen läßt. Diese muß eine j... *) Es wird sich im Verfolge ergeben, wie jene Theologen deshalb auch ganz konsequent verfahren, wenn sie die Unterscheidung zwischen Offenbarung und Nicht-Offenbarung verwischen , und beide am Ende zu zwei ununterscheidbaren Begriffen zusammenschmelzen. innerliche Evolutionsgeschichte, und wahrhafte, der Geschichte des humanen Lebens überhaupt conforme, Durchgangspunkte aufweisen können. Mithin befanden wir uns in einem zwiefachen scheinbaren Widerspruche, daß ein Historisches das Historische ausschließt, während dem ein ihm verwandtes Un historisches das Historische postulirt. Dem einsichtsvollen Leser braucht nicht bemerklich gemacht zu werden, daß diese beregten Widersprüche nur deshalb bis zu dieser Spitze getrieben worden seien, um ihre Auflösung desto gewisser vorzubereiten. Es ist für ihn, sobald nur beide Gegensätze in ihrer schroffesten Gestalt einander gegenüber gestellt sind, die Auflösung schon zur Hälfte vollbracht. Wind und Sonne sind im edlen Turnier getheilt, und der erwartende Zuschauer, wie der treue Schiedsrichter, erwarten mit Sicherheit' eine nahe Entscheidung. Dieser Absicht und unserem Zwecke näher und nahe zu kommen, betrachten wir das Wesen dessen, was wir das Geschichtliche nennen, in Beziehung auf unser Thema: die Religion. Und es ergiebt sich alsobald folgendes Gesetz. Die geoffenbarte Religion hat zwar nicht, wie andere, in der Zeit entstandene Werke und Thatsachen, einen Geschichtsgang, der aus einem Keimpunkte, einem Wachsthume, einer Reife, also einer innern Lebensentwickelung, besteht, abgesehen von unserem Verständnisse dieser Epochen; allein sie hat eine Geschichte in Absicht auf das Erkenntniß, auf die Aneignung des Menschen, wie weit er sich nämlich ihr verähnlicht, und sie sich in seinem ganzen Denken und Thun aneignet. Und diese Geschichte des Aufbauens des menschlichen Gemüthes an dieser erhabenen Lehre, die zunächst auf ein Erkennen, und sodann und gleichzeitig auf ein Wollen, endlich auf ein vollendetes Weben und Sein in ihm abzweckt, diese Geschichte des Entgegengehens der Menschheit gegen dieses ferne Ziel, ist das historische Element einer wahrhaftigen geossenbarten Religion, und in sofern ist sie historisch und nicht historisch zugleich. Mit dem vollendeten Erkennen dieser Offenbarung, mit dem endlichen Uebergang des anfänglichen Glaubens und Ahnens in ein unerschütterliches Wissen ist der Anfang gemacht, der gar bald der Schluß der Geschichte, nämlich die Durchdringung des geistigen Gesammtvermögens des Menschen, will sagen sein /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.