Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 18 (27.11.1832)
- Date
- 1832-11-27
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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139 geistige Ergebniß von jenem Gesetze alles dessen, was lebendig in der Zeit ist und wirkt, von dem Gesetze der Beweglichkeit, vom Triebe des Fortschreitens, Wachsens, allein eine Ausnahme machen? Wie ist diese Schwierigkeit zu lösen, dieser scheinbare Widerspruch auszugleichen? Wir müssen zu diesem Ende in unsern Betrachtungen fortschreiten, und eine Vergleichung der „nicht geoffenbarten " mit der „ geoffenbarten " Religion, in Absicht auf den historischen, der Entwickelung unterliegenden, Moment, anstellen. Bemerkt muß werden, daß einstweilen die Bezeichnungen historisch und geoffenbart dadurch eine gleiche Bedeutung annehmen, und auch, daß beide vorläufig nur als äußerliche Merkmale der Religion anzusehen sind. Eine nicht geoffenbarte, und mithin unhistorische, Religion, würde in diesem Sinne eine solche sein, die keinen bestimmten Zeitmoment als Anfangspunkt im Verlaufe der Zeiten in Anspruch nimmt, und dieß in Uebereinstimmung mit ihrem Begriffe auch nicht kann. Sie fällt ganz ins Gebiet der unendlichen Reihe von Ursache und Wirkung, und zeigt in jedem beliebigen Punkte, den man als Anfangspunkt für sie in Anspruch nehmen könnte, auf einen vorhergehenden hin, mit dem sie in einem solchen Verbände steht, und dieser auf einen noch früheren, so daß sich die ersten, oder vielmehr die frühesten Entstehungsquellen im vorhistorischen Reich verlieren. Man könnte sich zwar auch eine von irgend einem Menschen, in einem bestimmten Zeitpunkte durchaus neu ersonnene, und sodann bekannt gemachte Religion, also eine historische Religion, die von Seiten ihrer innerlichen Natur eine nicht historische darstellte, denken. Allein dieser müßte doch die Anerkennung als einer Religion völlig abgehn. Denn der Inhalt jeder Religion kann nur zweierlei Ursprungs sein. Er kann entweder Thatsache des menschlichen Selbstbewußtseins, also keine neue Erfindung in irgend einem Zeitmomente; oder eine unmittelbare Offenbarung des höchsten Wesens sein; diese letzte aber kann, wie jedes historische Factum, nur in einer ehemaligen Gegenwart, in einem bestimmbaren und bestimmten Zeitabschnitte von dem, der Sich, und von Sich offenbaren wollte, den Menschen übergeben worden sein. Was irgend ein Mensch den Menschen von göttlichen Dingen entdeckt, ist demnach in die erste Kategorie zu bringen, und kann, sollte es auch, wie in der Wissenschaft, zu irgend einer bestimmten Zeit aufgefunden und ausgesprochen sein, dem Inhalte nach nichts mehr enthalten, als wozu ursprünglich die Anlage im menschlichen Bewußtsein vorhanden ist, mithin ein uraltes, vorgeschichtliches Datum, wie oben gezeigt worden ist. Eine erfundene Religion wäre zwar historisch, aber keine Religion; ist sie aber Religion (Natur- oder Vernunftreligion): so kann sie nicht historisch (in unserem Sinne) sein. Eine andere Betrachtung führt zu ganz demselben Resultate. Eine Religion nämlich, die nicht geoffenbart, nicht von Einem, der im Besitz dieses Geheimnisses war, einem Andern, der nicht in dessen Besitz war, auch nicht anderweitig durch Klugheit, durch Nachdenken zu diesem Besitze gelangen konnte, überliefert worden wäre; bei der also keine Mittheilung von außen Statt fände, oder erforderlich gewesen wäre, die erweislich ganz und gar dem Innerlichen des Menschengeistes angemessen, und sein ursprüngliches Eigenthum ist: eine solche Religion ist das Ergebniß und der Schluß desjenigen menschlichen Wissens, (wenn es anders zur Klarheit des Wissens gekommen ist) das ihn über sein Sein, dessen Abhängigkeit von einem Höhern, seinem zeitlichen Zustand und dessen Zusammenhang mit einem außerzeitlichen, kurz, über sein ganzes moralisches und physisches Wesen, belehrt, und sich also ganz eng an diejenige Wissenschaft anschließt, die wir Philosophie nennen. Also würde die sogenannte natürliche Religion auch schon deshalb für sich selbst keine Geschichte haben können; sondern nur eine gemeinschaftliche mit der Weltweisheit; sie würde daher eben so alt sein, wie das Denken überhaupt, und man könnte keinen eigentlichen Anfang, sondern höchstens einen Zeitpunkt des deutlichen Ausspruches derselben, anerkennen. Es ist ja auf keinerlei Art anzunehmen, daß das menschliche Selbstbewußtsein sich theile, und mit der Einen Hälfte die Resultate der natürlichen Religion erzeuge, mit der Andern die der Philosophie (der dogmatischen nämlich). Eine solche Supposition, die einige angesehene Theologen andeuten, oder die doch ihrer Darstellungsweise nothwendig zu Grunde liegen muß, ist keine Kleinigkeit abgeschmackt. Der Grund liegt nunmehr 18*