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Der Jude · 1832-11-06 · Heft 17 (6.11.1832) · p. Seite 130

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 17 (6.11.1832)
Date
1832-11-06
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 Mag das Gewissen dich richten recht streng nach völliger Willkühr, Ueber das innere Sein schalten mit freier Gewalt; Aber es bleibe daheim und beschränkt auf die Herrschaft des Busens; Draußen regieret der Staat, redet die Kirche darein. Eine begünstigt der Staat, mit der er sich rechtlich vermählt hat; ' Sara beherrschet das Haus, Dienen ist Hagar's Geschick. Glauben auch darfst du und beten nach eigenem freien Gelüsten; Glaube nur, bete nur still, daß du die Meister nicht störst! Mußt du auch einigen Zoll für den eigenen Glauben entrichten, Steuert doch jegliches Gut, das aus der Fremde du ziehst. Willst du den Glauben allein willkührlich beziehen und zollfrei? Zölle beschützen zumeist unseres Landes Betrieb. Schöpft aus dem heimischen Born, dann drückt kein besondrer Tribut dich! Oeffne die Augen und schau, daß er am lautersten quillt. Hat dich dein Vater gewöhnt aus anderer Quelle zu trinken, Trägst du selber die Schuld, deine Gewohnheit ist arg. Ist dein Auge zu blöde, zu schauen die Klarheit des Bornes, Tauche dich immer hinein, später verklärt sich der Blick! Meinst du, es strömen die Wasser des Lebens aus einerlei Urquell: Wisse, nicht Jeglicher schöpft würdig des Baches Krystall. Wer das Lauterste trinkt, den zieret die Krone der Herrschaft! Zolle, Geduldeter, denn — Dank dem gebietenden Herrn, Der dir den ewigen Gott nach dem eigenen freien Gewissen, So zu verehren erlaubt, wie du es einzig vermagst; Der dir so edel gestattet, für irdischer Rechte Beschränkung, Bürger des Himmels zu sein, den du dir selber gewählt! Wie ich dir danke die Bläue des Alles umwölbenden Himmels, Wie ich dir danke den Lenz, welcher die Erde verjüngt; Wie ich dir danke die Luft, des lebendigen Odems Erquickung, Dank' ich Geduldeter — dir meines Gewissens Besitz. Aber ich frage, warum du nur halb mir das Meine zurückgibft Und der Vergangenheit Schmach milderst mit schüchterner Hand? Sprich: was zögerst du noch zu vertilgen die Schande der Vorzeit? Ist denn entfesseln so schwer? thun dir Heloten so wohl? Sieh' den gefesselten Greis, den lebendigen Zeugen der Vorwelt, Wie er mit bebendem Fuß schleicht aus dem Kerker hervor. Niedergebeugt ist das Haupt, doch entstralet noch Leben dem Auge; Jugendlich naget der Schmerz in der geängstigten Brust. Einst in den Tagen des Wahns, da für Recht die rohe Gewalt galt, Ward er vom Bruder verdammt, weil er der ältere war Und für ein Linsengericht nicht feil ihm das heilige Recht war. Grauser nicht hätte gebüßt, wer den Erzeuger erschlug! Endlich zerfiel, vom Alter zernagt, das morsche Gefängniß, Und der gerettete Greis grüßt den verbotenen Tag. Nun umsteht den Erhaltenen das Volk, ruft: schauet das Zerrbild! Wie? ihr weidet den Blick? — Eilig die Bande gelöst! Fürchtet den rächenden Gott! Mehrt nicht die ergrauete Unbill! Scheuet die mächtige Hand, die den Verfolgten erhielt! — Erst rathschlagen die Richter — die Enkel des jüngeren Bruders — Ob auch Freiheit frommt, wird sie dem Alten gewährt; Einen der Ringe gelöst an der Kette und mählig den andern! Räth der bedächtige Sinn, sorgend, — er rette zu rasch. Hat der gefangene Greis so lange den Acker verwahrlost, Nicht der Heerde gepflegt, — kann er nicht erben wie wir. Wer weiß, ob der entfesselte Fuß nicht gar uns zuvorkommt? Drum vorsichtig befreit; meidet die eigne Gefahr! Sprecht: rathschlaget ihr auch, wenn dem Bruder in Flammen der Tod droht? Oder wenn wogende Fluth Leben und Habe verschlingt? — Dulde, geduldeter Mann! die Macht, die den Kerker gesprengt hat, Wächst und wächst so lang, bis sie die Menschheit erlöst. Denk der vergangnen Geschlechter, erwäge die Zeichen der Vorwelt: Gottes erlösender Geist sprenget die Riegel des Wahns! Sahst du nicht schüren die mordende Glut zu Ehren der Gottheit? Sahst du das Schwert nicht gezückt, Seligkeit lehren das Schwert? Und dich schreckte der Nattern Gezücht, das so einsam, kraftlos Dort im Getrümmer noch zischt, tödtlichen Giftes beraubt? Jetzt noch wolltest du zagen, so nahe dem Ziele verzagen? Schlummert der ewige Gott — jetzt, da die Menschheit erwacht? * Harre, du harrst nicht vergebens, erkorener Dulder der Vorzeit! Wo sich das Leben verjüngt, stralet dein ewiges Recht. Und zur Verjüngung berufen sind alle Geschlechter der Erde; Was sich nicht lebend erneut, wird der Verwesung zum Raub.

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