Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 15 (9.10.1832)
- Date
- 1832-10-09
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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117 sie haben sie nach Amerika verpflanzt, aber es ist nicht ihre Religion, die diese Bildung veranlaßt hat. Die arabische und jüdische Litteratur des Mittelalters steht auf derselben Höhe wie die christliche derselben Zeit, denn ihr gemeinsamer Boden ist Aristoteles, ihr besonderer die nationalen Werke eines jeden dieser Völker. Sogar die mystische Tendenz der christlichen Philosophie des 14ten und 15ten Jahrhunderts zeigt sich gleichzeitig bei den Juden in der Kabbala, und der Einfluß derselben war so bedeutend, daß dieser Name allen spateren Arbeiten dieser Art vorzugsweise zu Theil wurde. Wäre es die Religion allein, die die Bildung erzeugt, so dürsten wir mit Recht nach den Kennzeichen dieser Bildung in den christlichsten Staaten des heutigen Europa, in Spanien und Portugal, fragen, wir dürsten fragen, ob denn das Land, in dem der Statthalter Christi seinen Stuhl errichtet hat, auch der Mittelpunkt der heutigen Bildung sei, und dürsten vergebens um eine Erklärung bitten, warum es vorzugsweise ja fast ausschließlich Fremde sind, die in Rom die Trümmer der Vorwelt untersuchen und beleuchten, welchen Gewinn überhaupt die Wissenschaften seit einem Jahrhundert von Rom aus gezogen haben? ■*) Wir müssen uns daher gewöhnen, Religion und wissenschaftliche Bildung als zwei völlig gesonderte Gegenstände zu betrachten, die allerdings in gegenseitiger Beziehung zu einander stehen, jede von der anderen abhängig, aber nicht die eine aus der andern hervorgehend. **) *) Die großen Entdeckungen, die wir Angelo Mai verdanken, sind auf dem Punkt, wohin er sie gestellt hat, kein wissenschaftlicher Gewinn: an ihm bewundern wir nur sein glückliches Auge: was der Wissenschaft dadurch gewonnen ist, dafür gebührt der Dank bis jetzt nur Deutschen Gelehrten. Es ist nothwendig, dieses besonders hervorzuheben, um nicht den Vorwurf der Undankbarkeit auf uns zu laden. Allerdings ist die nationale Bildung zunächst durch Christen uns übertragen, und wir erkennen dieses freudig und dankbar an: aber sie ist darum keine christliche Bildung, sondern eine nationale. Mit Unrecht wirft man uns daher vor, wir kämpften mit fremden Waffen: es gehört dieß zu der eigenthümlichen Begriffsverwirrung, die hauptsächlich den Widerstand gePn unsere Sache charakterisirt. Eben so entschieden müssen wir die Meinung von uns abweisen, als seien wir eigentlich unserer Bildung und unseren Ansichten nach Christen: als ob Judenthuw gerade in dem Mangel der Bildung bestünde, und vor derselben verschwinden müßte. Es ist daher einleuchtend, daß in den obengenannten Berufsschulen von einer Trennung nach der Verschiedenheit der Religionen die Rede nicht sein kann: *) im Gegentheil, ich halte es für nachtheilig, weil hier die Trennung wirklich zu Haß und Zurücksetzung führt. Für die Beschäftigung im Leben gibt es kein Monopol; es gibt kein besonderes Recht, Schuhe oder Stiefel zu machen, kein besonderes Recht, die Wissenschaften und Künste zu erlernen. Niemand hat nachgewiesen, daß ein besonderes künstlerisches Talent von der Religionsansicht abhängig sei — bekanntlich kehrt sich die Natur auch nicht daran, — oder daß nur, wer eines bestimmten Glaubens sei, die Unschuld mit Erfolg vertheidigen könne, oder daß ein Rock besser von einem Christen als von einem Juden gemacht werden könne; Niemand hat gezeigt, daß dieses Alles nach den verschiedenen Religionsbekenntnissen verschieden sich gestalte. Die Elementarschule also bringe den Knaben bis zu dem Punkte, wo er mit Erfolg den Unterricht der Berufsschule benutzen kann. Wir haben demnach jetzt die Frage zu beantworten : Welches ist das wahre Gebiet dieser Schule, und welche Bedingungen sind wesentlich, damit sie gedeihe und den Zweck erfülle, den wir als ihren eigenthümlichen erkannt haben? Das rein Pädagogische dieser Frage gehört nicht für diese Blätter, nur das Religiöse und eigenthümlich Jüdische liegt uns hier zu betrachten ob. Auch mögen wir nicht in den gewöhnlichen Fehler der pädagogischen Lehrbücher verfallen, die Alles mit einem Maaße messen, die genau angeben, was überall in dieser, was in jener Stunde gelehrt werden soll, wie groß das Schulzimmer sein müsse, wie viele Kinder darin sein dürfen u. s. w. Ein jeder Lehrer wird einsehen, wie vielen Werth dieß hat. Die verschiedenen Länder und Städte haben verschiedene Bedürfnisse, und es wäre z. B. nichts thörichter, als eine Schule von Berlin ohne Weiteres etwa nach Wien oder Frankfurt am Main oder Hamburg versetzen zu wollen. Was an dem einen Orte nothwendig, ist an dem zweiten höchstens wünschenswerth und an dem dritten ganz überflüssig. Die Schulen sind abhängig von der bür- ") Die einzige Ausnahme der Schullehrerseminarien wird im Verfolg beleuchtet werden.