Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 15 (9.10.1832)
- Date
- 1832-10-09
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2542348-2542377-2542393--134-3526634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
116 ganz aus dem Kreise des Unterrichts ausgeschlossen, oder sie soll nur noch in wissenschaftlicher Betrachtung begründet werden. Hier also tritt das Bedürfniß der Trennung verschiedener Religionsparteien nicht mehr ein, und wir hören daher auch nicht reden von katholischen und protestantischen polytechnischen Schulen, von gesonderten Gewerbeschulen für Lutheraner und Reformirte. Der Unterschied, der in einigen Gegenden noch besteht zwischen katholischen und evangelischen Gymnasien, ist meistentheils nur ein historischer, wie es noch Jesuitergymnasien gibt in Städten und Ländern, wo die Jesuiten längst vertrieben sind: oder er bezieht sich speziell auf den Religionsunterricht, woran natürlich Andersglaubende keinen Theil zu nehmen brauchen; der übrige Unterricht ist so, daß in ihm auf den Glauben keine Rücksicht genommen werden kann, mit alleiniger Ausnahme einiger Partieen des Geschichtsunterrichts, und da darf man allerdings bei dem schon zum Jüngling erwachsenen Schüler voraussetzen, er werde sich nicht durch bloße Autorität eines Lehrers bestechen lassen, Etwas ohne Prüfung anzunehmen. Eben so ist bei sogenannten katholischen oder protestantischen Universitäten nur die eigentliche Theologie und das Kirchenrecht für eine besondere Religionspartei bestimmt: an vielen werden für Katholiken und Protestanten besondere Vorlesungen in diesen Wissenschaften gehalten, ja es ist vor einigen Jahren auch der Vorschlag gemacht worden, einen neuen Lehrstuhl für jüdische Theologie zu errichten. Eine christliche oder jüdische Medizin, Philosophie oder Jurisprudenz aber sich zu denken wäre lächerlich: es hat auch meines Wissens nie eine juristische Facultät Bedenken getragen, Juden zu Doctoren beider Rechte, d. h. des bürgerlichen und des canonischen Rechtes zu promoviren. Denn alle höhere Bildung des heutigen Europa ist keine religiöse, keine christliche, sondern eine rein Europäische, ihr Grund ist das Rassische Alterthum der Griechen und Römer. Das Christenthum hat seine hohe Bedeutung in der Weltgeschichte, es hat eine hohe sittliche Bildung erzeugt, die Niemand verkennen darf, der mit prüfendem Blick die' Geschichte Roms unter den letzten Kaisern mit der der nächsten Jahrhunderte vergleicht. Die Entnervung, die Entwürdigung der gesammten Menschheit verschwinden wie mit einem Schlage, und ein höheres, reineres Leben beginnt. Aber wir können eben so wenig übersehen, daß die Verbreitung des Christenthums mit dem Tode aller geistigen Bestrebungen zusammenfällt, daß der Reichthum an Geist und Verstand, wie wir ihn selbst noch in den Zeiten des absterbenden Heidenthums bei Lucian, bei Julian, bei Petronius und vielen Anderen finden, im fünften Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung fast ganz aufhört, ja daß das Vortreffliche, was noch in dieser späteren Zeit entsteht, wie die Rechtssammlungen Justinian's, ein Erbtheil des Heidenthums ist, und zum Theil noch in feindseliger Stimmung gegen das Christenthum befangen. Und wo beginnt die neu-europäische Bildung? Wo ist die Fackel angezündet, die die drei letzten Jahrhunderte erleuchtet? Am classischen Alterthum; die Griechen und Römer mußten aus ihren Gräbern aufstehen, und von neuem der unmündigen Welt Rede und Gedanken geben. Wohl liegt dazwischen eine eigene Zeit, da Dichtkunst und bildende Kunst einen selbstständigen Aufschwung zu nehmen begannen, ausgehend vom Christenthume und zu demselben zurückführend, eine Zeit, die wunderherrliche Gebilde ins Leben rief, eine schöne, erhabene Zeit! Aber diese Blüthezeit des Mittelalters ging vorüber, und ließ keine Spuren im Leben zurück: eine leere Form trat an die Stelle des lebendigen Geistes, und die Völker versanken in die frühere Rohheit. Die Minnelieder verklangen, und unsere Zeit hat sie studirt wie die Erzeugnisse eines fremden Volkes, einer verschollenen Periode: die Dome und Kirchen stehen wie Riesenwerke eines größeren Geschlechtes vor uns, und wir staunen sie an: nirgend ist in unseren Tagen ein ähnliches Werk vollführt, nirgend die unvollendeten Denkmale der Vorwelt vollendet. Unsere heutige Bildung steht auf dem Boden des classischen Alterthums, Spinoza und Mendelssohn sind so gut Arbeiter an dem großen Bau, wie Descartes und Wolfi Und ist etwa die das Christenthum vernichtende Richtung der Französischen Encyclopädisten, Voltaire's, Rousseau's auch .eine christliche? Ist die Französische Revolution von 1789 eine christliche? Ist der Skeptizismus Hume's und Bayle's ein christlicher? Es gehört keine tiefe Kenntniß der neueren Geschichte dazu, diesen Jrrthum einzusehen. Die Christen sind häufig Träger der neueren Bildung gewesen,