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Der Jude · 1832-09-21 · Heft 14 (21.9.1832) · p. Seite 110

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 14 (21.9.1832)
Date
1832-09-21
Page
Seite 110 (sequence 6)
Language
German
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f das ernstere Berufsleben anfängt, in neun Fällen unter zehn seine früheren Bekannten ihn nicht mehr gekannt haben, ob sie nicht fremder thaten, als der Fremdeste. Nein, alle äußeren Mittel, uns Anerkennung zu verschaffen, sind vergeblich: durch inneren Werth müssen wir emporzukommen streben, uns die Achtung erzwingen, die man uns gewaltsam vorenthalten will. Auch ist es in allen geschichtlichen Dingen nur die Entwickelung aus den gegebenen Elementen, die zum Heile führt, die Aufnahme des Fremdartigen wirkt immer zerstörend: das ist die große Lehre, die wir aus der Geschichte zu ziehen haben. Selbst, wenn in dieser geschichtlichen Entwickelung Manches absterben, Manches durch ungünstige Verhältnisse eine andere Richtung als die gewünschte nehmen sollte, muß die Belebung nicht von außen herein gebracht, sondern die ursprünglichen Principien müssen erkannt und zu einem neuen Leben hervorgerufen werden. Der begründetste Einwand, der gegen jüdische Schulen gemacht wird, ist der wegen der Sprache. Allerdings ist es unsere Pflicht, nicht einen fremden Dialect zu sprechen, wir sollen und müssen keine äußeren Erkennungszeichen haben, am wenigsten in Sprache und Ausdruck. Aber dieser Einwand trifft nur den geringsten Theil unseres Vaterlandes: in Süddeutschland besteht, so viel ich zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, ein Unterschied des Dialectes zwischen Juden und Christen gar nicht, auch in den östlichen Ländern sehr wenig. Die Eigenthümlichkeit des jüdischen Idioms besteht hauptsächlich darin, daß die Juden die oberdeutschen Mundarten auch da erhalten haben, wo dieselben von der Mehrzahl der Bewohner nicht gesprochen werden; einzelne hebräische Ausdrücke sind ein Bestandtheil, der nicht in der Sprache wurzelt, der zu jeder Zeit aufgegeben werden kann, und auch wirklich, z. B. im Gespräch mit Christen, aufgegeben wird. Die Juden haben überall, wohin sie gekommen sind, die Mundart des Landes angenommen, die schwäbischen Juden sprechen schwäbisch, die niedersächsischen (die Portugiesischen Juden) sprechen Plattdeutsch; bei Uebersiedelungen aus dem Süden in den Norden zeigt sich die Gesinnung des Staates und der Landesbewohner auch in der Sprache der Juden. Haben die Christen sie gastfreundlich ausgenommen, ihnen nicht den Umgang mit sich geradezu verschlossen, so hat der süddeutsche Dialect sehr bald dem der Provinz, die sie ausgenommen, weichen müssen; so. in Hannover und Braunschweig. Haben dagegen die Christen den Umgang mit Juden gescheut, sie in allen Verhältnissen des Lebens und der Geselligkeit fern gehalten, so haben diese ihre frühere Aussprache, ihre Ausdrücke und Redensarten, wie sie sie aus dem Süden mitgebracht haben, fast unverfälscht erhalten *)♦ Es ist also keinesweges Eigensinn oder Unfähigkeit, die dieses eigenthümliche Idiom hervorgebracht haben: das Unangenehme desselben, das Singen und unnöthige Gesticuliren, verliert sich bei gehöriger Aufmerksamkeit in sehr kurzer Zeit, und dazu stehen gebildeten jüdischen Lehrern 'dieselben Mittel zu Gebote, wie den christlichen. Es fehlt auch nicht an Erfahrungen, daß in ganz jüdischen Schulen, d. h. bei nur jüdischen Schülern und meist jüdischen Lehrern die Aussprache rein erhalten wird. Wir werden in einem der folgenden Artikel Gelegenheit finden, auf diesen Punkt zurückzukommen. Was endlich die wirklichen Vorzüge der christlichen Schulen vor den jüdischen betrifft, so mögen diese an manchen Orten in der That bestehen, eine innere Nothwendigkeit dazu ist nicht vorhanden; in vielen Städten ist sie erweislich nicht **). Nicht vergessen aber wollen wir, daß hier, wie in so vielen anderen Dingen, ein Vorurtheil obwaltet, daß das Fremde vorgezogen wird, eben weil es fremd ist; daß in den wenigsten Fällen ein solches Urtheil auf Prüfung oder Sachkenntniß beruht; daß endlich häufig die oben bezeichnete Richtung * der Scham und des Hasses von Juden gegen Juden hier den Ausschlag gibt ***). Und ist der Unterschied begründet, so wird er in den meisten Fallen daher rühren, daß das Mißtrauen der Eltern dem Lehrer noch die Mittel ') Man vergl. über das sogenannte Judendeutsch die interessanten Untersuchungen von Zunz: Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden. Berlin 1832. S. 438 —41. ' **) Wir wollen Ein Beispiel statt Vieler anführen, es ist die jüdische Gemeindeschule in Münster. *'*) In Hamburg ist der Fall bekannt,, daß eine jüdische Mutter, die ihre Töchter in einer christlichen Schule erziehen ließ, der Lehrerin drohte, diese in eine andere Schule zu schicken, wenn sie zu-viele jüdische Kinder annähme.

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