Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 14 (21.9.1832)
- Date
- 1832-09-21
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Niemand sie kennt, für Christen angesehen werden könnten. Diese Gesinnung ist es, welche den jüdischen Schulen am feindlichsten entgegentritt; es glauben diese Leute, ihren Kindern dadurch jene Vortheile schaffen zu können, die sie so schwer entbehren: es ist kein tieferes Gefühl, keine Liebe für Wahrheit und Recht, es ist Eitelkeit, Angst und Unwahrheit. Solchen Gesinnungen mit Gründen entgegenzutreten, ist nicht möglich: sie werden von den Meisten gar nicht gestanden; wer sie eingesteht, der fühlt auch das Schmachvolle derselben, hat aber nicht die Starke des Willens, die dazu gehört, ihr zu entsagen. Nur die Ueberzeugung von der Erhabenheit unserer Religion, von der Güte unserer Sache überhaupt kann sie vernichten: diese Ueberzeugung zu erregen und lebendig zu erhalten, ist Sache des Gemüths, ist eine Hauptaufgabe des Jugendunterrichts. Den erstbezeichneten aber lassen sich allerdings Gründe entgegnen, und zwar so gewichtige, daß, wie ich glaube, die ihrigen davor zurückweichen müssen. Wir stimmen Alle in dem Wunsch überein, unsere von den Vätern erhaltene Religion ungetrübt zu bewahren und auch unseren Nachkommen einst überliefern zu wollen. Unser Glaube ist das einzige Gemeinsame, das wir haben: geben wir ihn auf, so ist das Band, das uns umschlingt, gelöst, der Zauber, der uns Jahrtausende lang vereinigt hat, gebrochen. Nur das kindliche Gemüth aber ist im Stande, den wahren, reinen Gottesglauben in sich aufzunehmen; das Kind lebt in ihm wie in seinem Elemente, es ist eine unmittelbare Verbindung zwischen ihm und seinem Gotte , die durch Nichts gestört und gehemmt werden kann. Es gehört nur geringe Beobachtung des kindlichen Lebens dazu, um das Bedürfniß zu erkennen, welches das Kind zum Vater alles Lebens führt, die heilige Liebe, mit der es an ihm hängt, die Beziehung aller seiner Handlungen auf die himmlische Quelle wahrzunehmen. Es bedarf weder der Reflexion, noch des Zwangs, in ihm lebt die unmittelbare Anschauung. Diese Stimmung des Kindes geht späterhin nie verloren , mögen die Anklänge auch noch so leise geschehen, sie tönt wieder: das spatere Nachdenken mag noch so Vieles in der religiösen Ueberzeugung geändert haben, die Liebe bleibt zurück. Wäre es sonst nicht wunderbar, trotz der allergrößesten Verschiedenheit der Meinungen dennoch die gemeinschaftliche Anhänglichkeit zu finden? Wäre es nicht unerklärlich, daß so Viele trotz der größten Freiheit, die. sie sich innerhalb ihrer Religion gestatten, zurückschaudern vor dem einzigen, äußerlich so leichten Schritt, der ihnen alle Vortheile und Freiheiten ihrer andersdenkenden Brüder gewahrte? — Natürlich ist es bloß das Leben im Hause und in der Schule, das diese Gesinnung hervorbringt. Ueber das Haus will ich hier nicht reden: wenn aber die Schule, statt Eindrücke der Liebe hervorzubringen und zu erhalten, sie hemmt und zurückpreßt, wie können wir dann für einen solchen Unterricht günstig gesinnt sein? Und es ist wirklich so: jede christliche Schule soll und muß für die Erhaltung und Belebung ihrer Religion streben: aller Unterricht vereinigt sich in diesem gemeinschaftlichen Mittelpunkt, die Lehrbücher sind darauf eingerichtet, die- Lehrer stehen selbst in dieser Religion, die dann noch in besonderen Stunden eigends gelehrt wird. Die jüdischen Kinder nehmen oft Antheil an diesem Unterricht, und werden dann schlechthin zu Christen der Gesinnung nach *), sie theilen alle Vorurtheile gegen Juden: oder sie entfernen sich währende des Religionsunterrichts, und das veranlaßt den verderblichsten Zwiespalt in ihrem Gemüthe. Sie werden gezwungen, über Fragen nachzudenken, deren Entscheidung die ganze Geistesstärke und Ausbildung des Mannes erfordert; ihr Urtheil wird durch zufällige äußere Umstände bestimmt, Erörterungen mit den Mitschülern sind nicht zu vermeiden, und dabei verschwindet das eigentlich religiöse Leben, es wird zur Sache des Verstandes, was Sache des Gemüthes sein sollte,^ die Unschuld und Reinheit der Kindesseele ist auf immer dahin. Und dann fehlt dem ganzen übrigen Leben jene Begeisterung, die allein die Kraft giebt, die unzähligen Opfer und Entbehrungen, die dem Juden auferlegt sind, zu tragen. Es ist ein großer Jrrthum, in dem Viele befangen sind, zu glauben, die Religion werde nur in den Religionsstunden gelehrt: ein guter Lehrer wird in allen Unterrichtsgegenständen die Anknüpfungspunkte leicht finden, *) Ich selbst habe einen jüdischen, bei einem christlichen Prediger erzogenen, Knaben gekannt der nicht allein nicht wußte, daß er Jude war, sondern sich sogar des Wortes Jude als Schimpfwortes bediente. U *