Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 14 (21.9.1832)
- Date
- 1832-09-21
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Ueber jüdisches Schulwesen, V 0N M. Isler, Dr. Erster Artikel. §Ö5enn man mit aufmerksam prüfendem Blick die Entwickelung des Schulwesens bei den Juden verfolgt, so wird man sich nicht verhehlen können, daß dasselbe in dem gegenwärtigen Augenblicke auf einem Standpunkte sich befindet, wo es an der Zeit ist, alle dasselbe betreffenden Fragen noch einmal wieder zur Sprache zu bringen und einergenauen Untersuchung zu unterwerfen. Es ist dieß um so nothwendiger, da diese Untersuchung von den Meisten, die darüber urtheilen, gar nicht angestellt wird, ein Jeder vielmehr nach unbestimmten Gefühlen und unbestimmten Meinungen sich hier ein Urtheil erlaubt über eine Angelegenheit, wovon Wohl und Wehe der kommenden Generationen, ja vielleicht die Erhaltung alles Gemeinsamen, das den Juden geblieben ist, der Religion und des Familienlebens, abhangt. Daß aber die Erörterung hierüber an der Zeit sei, das beweist theils das eigenthümliche Interesse der Sache, wobei fast jedes Haus betheiligt ist, theils der Umstand, daß in den meisten Schriften, welche die neuere Zeit in Bezug auf jüdische Verhältnisse in's Dasein gerufen hat, auch das Unterrichtswesen besprochen ist. Es ist nicht die Absicht dieses Aufsatzes, in anmaßender Verblendung die Acten darüber schließen zu wollen, sondern vielmehr die freieste Erörterung durch alle Berufene zu veranlassen; denn die Ueberzeugung steht gewiß bei Allen fest, daß auf diese Weise allein man auch endlich zu einem befriedigenden Resultat gelangen müsse. Wir hören häufig reden von dem nothwendigen Anschließen an die Europäische Bildung, daß es nöthig sei, unsererseits Alles aufzugeben, was die alte Trennung zwischen Christen und Juden erhalten könne: wir müßten deßhalb überall, wo nicht unmittelbar die Religion betheiligt wäre, unseren christlichen Mitbrüdern entgegenkommen, um ihnen jeden Einwand zu benehmen, der noch immer bei den Verhandlungen über die bürgerliche Gleichstellung der Juden diesen gemacht wird, von Absonderung, Hartnäckigkeit u.dgl. Aus diesen Gründen seien also vor allen Dingen eigene jüdische Schulen als überflüssig, ja schädlich anzusehen, und jeder Vater und jede Mutter sei verpflichtet, ihre Kinder in die allgemeinen vom Staate errichteten oder anerkannten Anstalten zu schicken, und ihnen hier die Gelegenheit zu einer dereinstigen besseren äußeren Stellung vorzubereiten. Dazu kommen noch andere, nicht minder erhebliche Gründe, die Furcht vor dem jüdischen „Jargon," das in den jüdischen Schulen nur verewigt werde, vor der Uebertragung vielfacher Unarten, namentlich von den ärmeren auf die reicheren Kinder, endlich vielleicht auch hie und da die Ueberzeugung, es werde in den größeren, mit mehreren Mitteln versehenen Schulen auch verhältnißmäßig mehr für die Belehrung und Ausbildung der Kinder geleistet, als in den Anstalten der Juden *). Dieß ungefähr sind die gewöhnlich ausgesprochenen Motive, andere, nicht minder wirkliche, werden verschwiegen oder nur leise angedeutet. Es giebt nämlich noch immer Leute unter uns, die sich ihres Glaubens und ihrer Abkunft schämen, die, wo es nur immer möglich ist, es verheimlichen möchten, daß sie jener zurückgesetzten und verhöhnten Classe von Menschen angehören , die es einem Fremden wenigstens gern glauben machen wollten, sie gehören dem Judenthum und den Juden gar nicht an. Sie ändern ihre angestammten Familiennamen **), die seit Jahrhunderten vom, Vater auf den Sohn übergegangen sind, in triviale neue Namen um, die jeder Beziehung zur Gegenwart, jeder Wurzel in der Vergangenheit ermangeln, um nur nicht sogleich für Das erkannt zu werden, was sie sind, um vielleicht einen oder einige Tage sich in dem Wahne zu wiegen, auch einmal die Herren zu spielen. Gern würden sie auch Manches opfern, wenn es möglich wäre, sich der angestammten Physiognomie zu entäußern, wenn sie einmal in der Fremde, wo *) Bei alle diesem ist vorzugsweise von Knabenschulen die Rede: Mädchenschulen gibt es überhaupt noch wenige bei den Juden, wir werden dqher diese im Verfolg minder berücksichtigen, und wo wir etwa von ihnen reden, ausdrücklich auf sie Hinweisen. **) Natürlich rede ich hier nicht von denen, die auf Betrieb der Regierungen neue Familiennamen angenommen: bei ihnenzeigte sich nur häufig Armuth in der Benutzung der gegebenen Umstände.