Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 11 (10.8.1832)
- Date
- 1832-08-10
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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86 - Glauben und im ceremonialen Leben, das der Ausdruck des Glaubens ist, sich einen eignen Weg gebahnt, wie es in unseren Tagen auf die eine oder die andere Weise innerhalb aller Konfessionen der Fall ist, da hat sie sich mit der Nothwendigkeit, über die sie sich hinausgesetzt, auch des Anspruchs auf die Erwirkung einer bestimmten Reform, sie hat sich, indem sie das Princip der Majorität in Glaubenssachen mit vollem Rechte stillschweigend verwarf, auch ihres Stimmrechts zu einem Beschlüsse der Majorität begeben; und aus diesem Grunde eben ist die Herbeifühmng einer förmlichen Reform in unseren Tagen viel schwieriger, als im sechszehnten Jahrhundert. Eine Ausnahme macht hier die Einrichtung des gemeinsamen Gottesdienstes; denn in diesem Punkte ist ein Aneinanderhalten nokhwendig, das Verfolgen eines eigenen Weges in diesem Punkte dem Einzelnen unmöglich; darauf allein dürfte demnach, wie gesagt, das Streben nach Reform gerichtet sein. Es ist sehr zu beachten, daß Alle, die mit wahrer Liebe zur Religion und zu ihren Bekennern aus unserer Mitte an das Werk der Verbesserung Hand angelegt, ihre Thätigkeit wirklich allein dieser Seite zugewandr, während eine Reform der Ceremonialgesetze, die dem Gebiete der Privatandacht angehören, wohl bei Manchen eine stehende Redensart geworden, aber ein Gefühl der Ohnmacht doch noch Alle abgehalten hat, einen ernsthaften Schritt in dieser Richtung zu thun. — Auf einer anderen Basis aber, als auf einer der beiden angegebenen, einer neuen religiösen Wahrheit oder einem innerhalb des Gebietes der Religion geübten Druck, läßt sich eine Glaubensreform nicht begründen; ein Verfahren, das sie einer äußeren, der Religion fremden Gewalt zu Gefallen in's Leben rufen wollte, würde nicht auf Stärkung und Belebung, sondern auf Entwürdigung und Vernichtung der Religion hinausgehen. Die Beseitigung solcher leerer, nichtiger, nicht aus dem inneren Leöen der Religion hervorkeimender Reformen, die Zurückweisung der Anmaßungen solcher unberufener Reformatoren hat wohl der weise Mendelssohn ganz besonders im Auge gehabt an jener beinahe berüchtigten Stelle seines Jerusalem, wo er die Zulässigkeit aller und jeder Reform Hes Judenthums zu bestreiten scheint, während er durch die scharfe Sonderung zwischen Staatsgewalt und kirchlichem Leben, die er im ersten Theile derselben Schrift ausgestellt, für die individuelle Freiheit hinlänglich Sorge getragen, so wie er auch bekanntlich auf die Abschaffung des Banns der Synagoge wegen Uebertretung der Ceremonialgesetze entschieden eingewirkt hat. Und glaubt Ihr denn — möchte ich die Badischen Juden fragen —, daß Ihr, wenn Ihr einmal das einzige Prinzip, das Euch und uns Allen Heil bringen kann, habt fahren, lassen, und den Weg der Concessionen betreten habt, — daß Ihr auf diesem Irrwege ohye Führer und ohne Ziel den Forderungen Eurer Gegner je genügen werdet? Seht Ihr nicht, daß eine Vereinigung auf diese Weise unmöglich ist, da jene eben die tief gewurzelte Verehrung ihrer Religion und die angeborne blinde Geringschätzung der unsrigen auf jedem Schritte der Prüfung mit sich tragen, und gleich von vorne herein den Gegensatz zwischen beiden so stellen, daß das, was sie eine Annäherung nennew, von unserer Seite gleich bei'm ersten Schritte eine Verläugnung unserer Religion erforderte? So gehört zu den Lieblingsansi'chten mehrerer Redner, jenen Gegensatz so zu stellen, „daß die Christen", wie sich der Abg. Welcker wörtlich ausdrückte, „mit „ der Erscheinung Christi die irdische Staatsansicht auf- „ geben, daß sie ein Reich der Religion gründen „wollten, während die Juden dabei stehen blieben, „und in ihrer späteren thalmudischen Gesetzgebung diese „Idee durchführten, nämlich das Princip eines theo- „kratischen Staatsverhältnisses." Glauben die Herren mit Kindern ode^ mit Blödsinnigen zu thun zu haben, denen sie ihre Gemeinplätze ohne weitere Prüfung aufdringen können, und wenn sie dem klarsten Augenschein Hohn sprächen? Wen will man' denn durch solche Redensarten blenden? Wie? das Christenthum, die Staatsreligion, die herrschende Religion, die uns auf allen Lebenswegen entgegentritt, hemmend und ausschließend Die, die ihrem Glauben treu bleiben, Vortheile aller Art einem heuchlerischen Bekenntniß bietend , das Christenthum, dessen Annahme uns Männer derselben Partei dringend empfehlen, nicht wie die Annahme eines Glaubens, nein, wie das Anschließen an eine bürgerliche Einrichtung, wie einen Akt des Uebertritts in einen engeren Staatsverband, wie einen Schritt der Natkonalisiräng — dieses Christenthum ist