Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 10 (31.7.1832)
- Date
- 1832-07-31
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Landesfürsten; darum stand ex still auf der ßsum t-r gonnenen Laufbahn, und schuf sich, um Streiter fft dichten Reihen unter seine Fahnen zu sammeln, von der Noch des Augenblicks getrieben, in hastiger Eile Symbole und Confessionen, die sehr bald in dem Geiste der Ausschließung und Unduldsamkeit unter einander und mit der Kirche, aus der sie ausgeschieden, wetteiferten; darum gesellte er sich politische Parteien und Interessen zu, so daß wir häufig Unterthanen in Masse mit ihren Landesherren zu der neuen Religion übergehen sahen, während die Macht der Vernunft und des Glaubens nicht auf politisch verbundene Massen, sondern auf gleich empfängliche Seelen wirkt. Gerade diese Momente sind es, in, denen sich die Entwickelung der religiösen Ideen in unserer Zeit von den entsprechenden Erscheinungen früherer Jahrhunderte aufs schärfste sondert; daher kommt es, daß die Umwandlung der religiösen Denkweise in dem vorigen und in ^diesem Jahrhundert, obgleich innerlich viel bedeutender als im sechszehnten, doch viel weniger in äußerer Gestaltung sichtbar hervorgetreten, und nirgends eine eigentliche Reform, eine bestimmte kirchliche Sonderung hervorgebracht hat. Das Element der Kraft, die der Geist des Fortschritts in unseren Tagen dem herrschenden Dogma, wo es Roth thut, entgegensetzt, ist das der individuellen religiösen Freiheit, die die früheren Jahrhunderte nicht kannten; er bedarf daher nicht der Vereinigung als Mittel des Kampfes, denn die Meinung Tausender soll äußerlich nicht mächtiger sein, als die Meinung eines Einzelnen; er hat daher Nichts zu übereilen; er kann die religiösen Vorstellungen in den Gemüthern sich ausbilden und zur vollständigen Klarheit und Reife gedeihen lassen, ehe er sie in ein Bekenntniß faßt; er kann und wird mit der Aufstellung von Konfessionen und Symbolen enden, womit die Reformation, des 16ten Jahrhunderts anfangen mußte. Daß sich das Alles so verhalt, s daß eine in scharfen bestimmten Normen ausgeprägte Reform dem Geiste unserer Zeit widerstrebt, das fühlt der christliche theologische Rationalismus in seinen eignen Angelegenheiten sehr wohl, und nur in Beziehung auf uns scheint er es verkennen zu wollen. Wäre, dem nicht so, warum verlangt er denn von uns, den Schwächeren, was er, der stärkere, -nicht leistet? Warum geht er: uns nicht, wie billig, mit Wtem Beispiele : WaWN versammelt er sich nicht? Warum beschließt er nicht? Warum schafft er nicht ab? Will er sich von uns die Bahn ebnen lassen? Will er an unserem lebendigen Leibe Experimente machen? Will er mit den Leichen unserer Narrheiten die Gräben Wen, ehe er den gefährlichen Sprung versucht? Wenn die Lehren der heutigen Rationalisten von denen der Reformatoren um vieles mehr abweichen, als die letzteren von den Lehren der katholischen Kirche abweichen, was Niemand in Abrede stellen wird, der aufrichtig zu Werke' geht, und nicht mit Dogmen Taschenspielerkünste treibt; wenn der Rationalismus dennoch entweder seine völlige Ohnmacht erkennt, auf seine Lehren eine bestimmte kirchliche Reform zu bauen, oder ein solches Beginnen für ganz überflüssig hält, und sich lieber der ihm innerhalb der Gränzen seiner Kirche vergönnten individuellen Glaubensfreiheit nebst einem gewissen Grade von Lehrfreiheit bedient: warum mißgönnt er rms dieselbe Freiheit? Freilich würde eine jede Reform unter uns leichter und gefahrloser in so fern sein, als sie einen weniger mächtigen Widerstand zu bekämpfen haben würde; aber eben darum weil sie leichter ist, ist sie auch überflüssiger: denn je geringer der Widerstand ist, den eine Reform findet, desto geringer ist auch die Kraft, die durch Hemmung der individuellen Freiheit zu einer Reform treibt. Eine neue Gestaltung des religiösen Lebens erzeugt sich entweder durch die belebende Macht eines neuen positiven Inhalts, wie das Judenthum, das Christenthum, oder, wo die neue Richtung eine bloß negative ist, die da läutert, sondert, oder, Zusätze verwerfend, zum Ursprünglichen zurückkehrt — wie im Protestantismus — da erzeugt sie sich nur durch den Druck und die Unduldsamkeit der herrschenden Kirche, die der neuen Richtung der Geister keine freie Bewegung innerhalb ihrer Gränzen gestattet; denn diese Richtung bedarf eines gewaltsamen Widerstandes, um zu einer festen Formirung gedrängt zu werden, die ihrer freien, beweglichen, strebenden Natur an sich widerstreitet. Ein solcher Widerstand findet aber eben unter uns auf keinerlei Weise Statt,, und daher ist zu einer eigentlichen bestimmten Reform ohne ein neues religiöses Element nicht die mindeste objektive Veranlassung da. Ein Werk bloßer subjektiver Willkür kann aber eine religiöse Reform unmöglich seyn, da diese nicht einmal die.