Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 9 (6.7.1832)
- Date
- 1832-07-06
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Religions-Begriffen, darin leben wie Ln einer warmen Atmosphäre des Glaubens und der Andacht, die die Seele um sich her geschaffen, der sie Geist und Liebe eingehaucht, :um sie von ihr zurück zu empfangen, die sie in jeder Empfindung, jeder Thätigkeit des Lebens begleitet, in die sie sich hüllt, um vor dem erkaltenden Einfluß der Lebenssorgen und der Lebenslüste geschirmt zu sein. Ihr müßt sehen, wie jenes System für jeden religiösen Gedanken eine That hat, die ihn festhält, für jede Thai einen Gedanken, der sie erhebt, für jeden Genuß einen Segen, für jede Freude ein Gebet, für jeden Schmerz einen Trost, einen Dank selbst; ihr müßt den Vater sehen, der bei der Leiche des Sohnes den Schmerz überwindet und mit festem Muthe den gerechten Richter segnet, und ihr werdet jene kennmißlose Kritik nicht minder albern als herzlos finden. — Wem bei jenen schwach entworfenen Zügen auch nur ein verehrtes, erhabenes, heilige» Bild, wie dem Verfasser dieser Zetten, vor Obigen schwebt, der wird seine Entrüstung über jene mgherzige, stumpfsinnige Auffassung des äußeren Lebens einer Religion theilen. Er wird darum freilich nicht minder das Aeußere von dem Inneren, das Vergängliche von dem Unvergänglichen zu trennen wissen; er wird Formen, die nur in freier, leichter, ununterbrochener Gewöhnung Werth haben, nicht gewaltsam festgehalten wissen wollen, wo sie sich auflösen, er wird es der Seele der Religion zutrauen, daß sie der Stelle des Gewandes, das die Zeit ihr vielleicht zerstört, nachdem es sie Jahrtausende hindurch umhüllt, sich ein noch dauerhafteres, geistigeres und darum keiner Zerstörung durch die Zeit ausgesetztes zu schaffen im Stande sein würde. Aber er wird selbst für die Formen, die er im Untergange begriffen glaubt, Ehrerbietung empfinden; er wird, voll von Verehrung für die unsterbliche Seele der Religion, auch ihrer irdischen Hülle fromm die letzte Ehre erweisen, und sie nicht feindseligem Hohne ungerächt preisgeben. Er wird fühlen, daß wir erst dann uns über jene Formen erhaben dünken können, wenn es außer allem Zweifel gesetzt ist, daß die ihnen entzogene Verehrung nicht dazu gedient hat, die große Summe des menschlichen Egoismus zu vermehren, sondern daß sie einer reineren, weniger an Formen haftenden, aber nicht minder innigen, nicht minder lebendigen, nicht minder alle Gedanken und Empfindungen durchdringenden und läuternden Religiosität Platz gemacht Hai. Aber nicht nur gegen religiöse Formen, sondem auch gegen religiöse Vorstellungen selbst scheint man uns auf eine einseitige Weise zu Werke zu gehen, wenn man sie, wie Jrrthümer über gewöhnliche Dinge, im Einzelnen mit den Waffen der Kritik bekämpft. Die Seele hat ja diese Vorstellungen nicht darum ergriffen und hält sie nicht darum fest, weit sie dieselben für vernunftgemäß hält, sondern weil sie durch ein inneres unwiderstehliches Bedürfniß, mächtiger alsdie Vernunft, getrieben worden, sich dem von außen * dargebotenen, alle Prüfung ausschließenden System mit blindem Vertrauen in die Arme zu werfen. Dieses Bedürfniß auf andere Weise zu befriedigen, die Verstimmung des Seelenzustandes, die es erzeugt, zu heilen, das ist es, worauf es ankommt, nicht die Vernunstwidrigkeit von Ueberzeugungen nachzuweisen, die eben die Vernunft gar nicht als Richterinn anerkennen wollen. Glaubt Ihr, daß die vielen Verständigen, die alle übrigen Verhältnisse des Lebens und des Wissens mit leichtem scharf prüfenden Blick überschauen, in der Religion aber geheimnißvolle Vorstellungen festhalten, denen der Verstand widerspricht, hier in einem logischen Jrrthume, in einem Rechnungsfehler befangen sind, vvn dem Ihr sie durch eine genauere Demonstration zurückführen könnet? Glaubt Ihr etwa, daß der Phttosophie des Mittelalters, dir dem Katholicismus dienstbar war, die auf dem von der Kirche und der Synagoge als unfehlbar gegebenen Grundlagen mit bewundernswürdigem Scharfsinne ihre Gebäude errichtete, die geringe Macht der Kritik gebrach, deren der moderne Rationalismus bedurfte, um jene Grundlagen zu zerstören? War denn der weise Maimonides wirklich unverständiger, als jeder Thor unter den Juden, der heutzutage Schweinefleisch ißt und die Autorität des Talmuds läugnet? Vielleicht giebt es einige Wenige, die die Sache wirklich so ansehen; denn es giebt wohl unter uns, wie unter allen Confessionen, einen Schlag von armseligen Weisen, die sich ihr ganzes Leben lang mit dem stolzen Gedanken brüsten, der auch ihr einziger ist, daß sie die Vorurtheile ihrer Großväter abgelegt haben, und folglich klüger sind, als die ganze Vorzeit; diese Wenigen werden auch die einzigen sein, die eine ihnen