Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1832-07-06 · Heft 9 (6.7.1832) · p. Seite 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 9 (6.7.1832)
Date
1832-07-06
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2542348-2542377-2542387--084-3526578
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

72 als Privilegium zum Lohn für ihre charmante aufgeklärte Gesinnung verliehene Gleichstellung ganz in der Ordnung finden würden. Anders aber betrachtet die Sache jeder Besonnene. Weil die Menschheit der eignen Urtheilskrast nicht zu vertrauen wagte, weil sie zwischen Vernunft und Glauben einen Zwiespalt zu erkennen wähnte, den sie nicht zu lösen vermochte, weil sie den göttlichen Hauch in der eignen Anlage zum Denken und Fühlen, die Wirksamkeit des göttlichen Geistes in der freien, selbstständigen Ausbildung des menschlichen Seins verkannte, darum begab sie sich freiwillig ihres Urtheils und ihrer Freiheit in den Angelegenheiten der Religion; weil sie an dem aus eigner Kraft zu erringenden Heile verzweifelte, warf sie sich in einer trübseligen Zeit, wohl wissend, was sie thue, mit freiwillig geschlossenen Augen, dem unbegreiflichen Dogma, oder dem unverständlichen Gebot in die Arme, und gab die Freiheit des Geistes als Preis hin, um den Schmerzen des Zweifels zu entgehen. Wollt Ihr daher, daß die Menschen die Fesseln des Wahnes, wie Ihr sie nennet, zerbrechen, so bewirket, daß sie es wollen; die Kraft dazu hat ihnen nie gemangelt. Gebt der Seele das verlorne Vertrauen auf ihre eigne Kraft, auf ihr eignes Heil, gebt der Menschheit den Glauben an den ihr inwohnenden Gott, das lebendige Gefühl der in allen ihren edleren Kräften und Anlagen, in allen ihren Fortschritten und Entwickelungen wirksamen Gottheit wieder, und sie wird dann all ihren Glauben nicht mehr aus einem einzelnen einsamen Punkte in dem unermeßlichen Reiche der Geschichte und des Lebens schöpfen wollen; sie wird sich dann berufen fühlen, zu prüfen und zu wählen, und keine Unfehlbarkeit des Oberhauptes der Kirche, keine Autorität des Talmuds wird ihre freie Forschung hemmen. So lange aber das Bedürfniß nach dem von außen verliehenen Heil, nach , dem zur unbedingten Annahme dargebotenen Glauben, dem sich der Wille und die Denkkraft unterordnet, obwaltet, so lange werden die Waffen des Verstandes selbst, so lange werden Weisheit und Scharffinn, Philosophie und Dialektik der Seele dienen müssen, um eben jenes Bedürfniß zu befriedigen, und das Gebäude zu stützen, das sie mit viel geringerem Krastaufwande zerstören könnten. Wir haben hier versucht, den Weg anzudeuten, auf welchem, wie es uns scheint, das Streben nach Aufklärung der religiösen Ansichten, nach freier vernunftgemäßer Entwickelung der Glaubensvorstellungen hauptsächlich wirken müßte. Die bloße rationale Kritik möchte hier einem Arzte zu vergleichen sein, der seinem Kranken, anstatt ihn zu heilen, die Mittel der Linderung entzieht. Auf welche Abwege, zu welker unwürdigen Polemik übrigens die der oben bezeichneten entgegengesetzte Verfahrungsweise zu führen im Stande ist, davon macht nicht nur das Judenthum, sondern es machen auch andere Religions - Systeme, z. B. der Katholicismus davon noch manchmal traurige Erfahrungen. Fehlt es doch nicht an protestantischen Tagsblättern, die — den Kampf zwischen religiösen Ideen wie einen Kampf der Parteien betrachtend, in dem jedes Mittel, dem Gegner zu schaden, gut genug ist,— um eine Waffe mehr gegen den Katholicismus zu haben, Register führen über die Buhldirnen katholischer Geistlichen! Das ewige Kritteln und Spötteln über Religions-Vorstellungen ist freilich im Ganzen einem ziemlich allgemeinen Ekel gewichen, und das Christentum, das am Ende des vorigen Jahrhunderts damit überschüttet worden, wird jetzt verschont; wohl aber scheinen sich Manche gegen das Judenthum noch darin zu gefallen. — (Die Fortsetzung folgt.) Eine Reise, die der Herausgeber im Anfänge des Monats Juli, antreten wird, veranlaßt ihn zu der Bitte, daß Diejenigen, welche ihn für dieses Blatt Mitcheilungen zu machen haben, deren unmittelbare Bekanntmachung sie wünschen, seiner Addreffe die Worte „für die Redaktion des Blattes: der Jude" hinzufügen mögen, da in diesem Falle von einem Freunde des Herausgebers die Einrückung unmittelbar besorgt werden wird, während die ohm diese Bemerkung an seine Addreffe gelangenden Briese ihm selbst an seinen jedesmaligen Aufenthaltsort werden nachgesandt werden. Gedruckt vei Hammer ich und LeSfer in Altona.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.