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Der Jude · 1832-07-06 · Heft 9 (6.7.1832) · p. Seite 70

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 9 (6.7.1832)
Date
1832-07-06
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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70 Art hat, einer gerechten Nothwehr gegen ein verächtliches Verfahren zu gute halten werden. Nur der allerroheste Jude und auch dieser kaum würde sich gegen die Mysterien des Christenthums und die darauf gegründeten Ceremonieen einen so rückfichtslosen Hohn, ein so oberflächliches verstand- und gefühlloses Aburcheilen erlauben, wie sie jenem Verfahrm gegen uns zu Grunde liegen. Ich bin nicht gesonnen,, herzurechnen, was die christlichen Confessionen alles erst aus ihrer Dogmatik streichen müßtenehe sie mit uns über das Irrationale unserer Religions-Vorstellungen zu rechten anfangen könnten. Ich fühle mich nicht berufen, mich mit dem flammenden Schwerdte der Vernunft vor das Paradies des Glaubens zu stellen; ich vermag es nicht, Vorstellungen und symbolische Handlungen, die seit Jahrtausenden die Gemüther von Millionen zur Liebe erwärmt und zur Andacht erhoben haben, schlechthin als Narrheiten zu verurtheilen, weil sie meiner Ueberzeugung nicht entsprechen, und würde ich durch meine Vernunft unwiderstehlich dazu gezwungen, so würde mich ein tiefes Mitleid ergreifen über dm ungeheuren Schmerz der Menschheit, der fie getrieben, in der Narrheit Heil und Trost zu suchen, und der Pfeil des Spottes sammt dem Messer der Kritik würden der erschlaffenden Hand des Trauernden entfallen. Ich will daher unseren Gegner auf diesem Gebiete die Ehre des Angriffs von nun an allein Aderlässen, und mirH auf einige abwehrende Erörterungen, insbesondere über das. angesochtene System der Ceremonial- Gesetze, beschränken. Die Art, wie die Polemik hier zu Werke geht, ist gewöhnlich die, daß fie das Materielle der einzelnen Ceremonieen zum Gegenstände ihrer Betrachtung macht, und, wenn fie darin den religiösen Inhalt nicht zu entdecken vermag-, sie erst im Einzelnen und dann im Ganzm schlechthin für unzweckmäßig und unvernünftig erklärt. Wie kann man Gott dadurch verehren, sagen fie, daß man sich dieser oder jener Speise enthält, daß man gerade den siebenten Tag der religiösen Andacht und Erhebung weiht? Was hat die Nahrung mit dem Glauben, die Reihe der Wochentage mit der Andacht zu thun? Ist eine Speise unheiliger als die andere, der erste Tag der Woche weniger heilig als der siebente? Aber ebm diese Art und Weise der Auffassung zeugt von einem gänzlichen Verkennen der Natur religiöser Formen; eben dieser Art der Kritik wird sich keine Religion unterwerfen. Betrachtet die Gebräuche, die symbolischen Handlungen irgend einer Religion als äußere Thatsachen, losgerissen von ihrer lebendigen Bedeutung, von ihrer Wirksamkeit in den Gemüthern, von dem Gedanken, den das Bewußtsein Derer, die fie üben, daran knüpft, so werden fie euch leer und^ nichtig erscheinen, wie die verworrenen Klänge einer Sprache, die ihr nicht versteht. Um den Werth solcher Formen ganz zu erkennen, muß man sie empfunden, muß man darin gelebt haben. Denn so wie es eine zwiefache Art giebt, wie der Leib Wärme empfindet, die eine, indem er sie von einem äußeren an sich warmen Körper empfängt, die andere, indem er die eigne aus sich selbst entwickelte Lebenswarme einem an sich kalten Gegenstände mittheilt, und fie von ihm auf sich zurückwirken läßt, so kann auch die empfindende Seele nicht nur aus dem ihr gleichartigen geistigen Elemente, sondern auch aus dem bedeutungslosen Stoffe der Sinnenwelt, nachdem fie ihn mit dem eignen Hauche belebt, wiederum Leben und Nahtung ziehen. Gleichwie.ste aus dem gleichgültigen Chaos der Töne sich die Sprache geschaffen, ein Organ, nicht minder geistig, als die Welt der Gedanken, die es kund giebt, seelenlos nur dem, der sie nicht versteht, ganz Leben und Empfindung dem Verstehenden: §o hat sie der Religion aus dem rohen Stoffe der Körperwelt, den fie sich dienstbar gemacht, ein Gewand und ein Organ gebildet, das jeder ihrer Empfindungen Form und Ausdruck und Mittheilbarkeit verleiht. Gleich wie der bloße Klang des Wortes nichts bedeutet, und erst durch die Würde der Bezeichnung des Gedankns, die ihm die Seele aus freier Wahl ertheilt, Werth und Leben erhalt, so kann das religiöse Symbol auch etwas als äußere Thatsache gleichgültiges sein, das seine Bedeutung erst durch den Gedanken erhält, den der Glaube daran geknüpft. Darum müßt Ihr auch das jüdische System gottesdienstlicher Verrichtungen und Entsagungen, verbunden mit seinen Segensformeln rmd Gebeten, als ein lebendiges Ganze in seiner vollen Wirksamkeit auf'innig religiöse Gemüther betrachtet haben, um es zu begreifen: auf solche Ge rnüther, die, auch bei hoher Bildung und Hellen freien

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