Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 9 (6.7.1832)
- Date
- 1832-07-06
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2542348-2542377-2542387--081-3526575- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ch 69 Fleisch zu essen; er lächelt über den Glauben an den erwarteten Messias, aber nicht minder über den Glauben an die Gottheit Christi und an die Dreieinigkeit; er. zählt die jüdische Bevölkerung einiger östlichen Departements zu den weniger gebildeten Bewohnern Frankreichs; aber er setzt sie an Bildung und Aufklärung immer noch über.die fanatischen Katholiken des Westens und des Südens. Den Fanatismus der letzteren hält er, durch Erfahrung belehrt, für der Ruhe des Staates gefährlich, den der Juden hingegen für wenig beachtungswerth, ganz unschädlich und unbedenklich; in seinen Rechten beschränken will er aber deshalb weder den Einen noch den Anderen, so lange sie sich innerhalb der Schranken der Gesetze halten. Nur der deutsche Christ übt, während er an den Lehren der eignen Kirche, selbst, wenn er nicht mehr daran glaubt, mit. frommer Schonung vorübergeht, eine harte, bittere Kritik gegen den fremden Glauben. Wir billigen die erste dieser Gewohnheiten; über wir wollen uns mit allen unseren Kräften der letzteren entgegenstemmen, wenn sie zur Lieblosigkeit und zum Beharren im Unrecht führt, wenn sie das Werk des Fanatismus im Namen der Aufklärung fortsetzen will. — Seit wann ist denn die menschliche Vernunft zu einer solchen Allen einleuchtenden Klarheit und objektiven Gewißheit in religiösen Dingen gelangt, daß irgend eine Religion ihre Lehrsätze und Gebräuche dem kritischen Urtheil der Bekenner einer andern unterwerfen könnte? Welche Religion würde sich ein solches Verfahren gefallen lassen, wenn auch die höchsten irdischen Vortheile auf: dem Spiele ständen? Etwa das Chcistenthum? Wir können uns ja leicht dasselbe in einem ähnlichen Fall denken , wie es auch schon von Anderen, z. B. in der von dem edlen Krug herausgegebenen Schrift „die Politik der Christen und der Juden" geschehen ist. Bekanntlich hat vor einiger Zeit der Türkische Sultan alle seine Unterthanen verschiedener Religionen, unter ihnen auch die christlichen, für gleich berechtigt.und gleich zulässig zu allen Aemtern und Würden erklärt. Gesetzt nun, er hätte sich vorher über diesen Schritt mit . einer Versammlung der Weisen und Vornehmen seiner islamitischen Unterthanen berathen, — aufgeklärte und liberale Leute, sehr aufgeklärt über die Vorurtheile anderer Religionm, dabei voll zarter Schonung für die etwanigen Antipathien ihres eignen Pöbels, sehr liberal, wo es die eigne Freiheit, ja, kühn und heldenmüthig, auf Janitscharen-Art, wo es die Behauptung der eignen Rechte gilt, aber wohl zu unterscheiden wissend, wo es sich um die Freiheit Derer handelt, die sie unterdrücken —; gesetzt, eine solche Versammlung hätte, in Folge einer von einem sehr gelehrten islamitischen Theologen vorgenommenen Untersuchung über die christlichen Glaubenslehren und über die Ursachen der fatalen Absonderung der Christen von den Türken, als Vorbedingung der Gleichstellung, allerhand Concessi'onen, Garantieen oder Erklärungen über zweifelhafte Punkte der christlichen Dogmatik verlangt, die ihnen in gewissem Sinne als gehässige oder anstößige Vorurtheile erschienen, etwa die Natur des Abendmahls, die von den Bekennern des Christenthums ausschließlich in Anspruch genommene Seligkeit und Aehnliches betreffend, was den Hochmuth nährt, und leicht Inhumanität erzeugt gegen Andersglaubende: welcher Christ würde wohl auf solche Iumuthungen eingehen? wer würde sich nicht diese zarte Besorgniß um die Aufklärung christlicher Religionsbegriffe aufs ernstlichste verbitten? Oder, um den Fall mit dem unsrigen ganz auf gleiche Linie zu stellen, wenn man von den Christen verlangte, daß sie ihren Sonntag auf den Freitag verlegen sollten, „weil sie sich dadurch ihren Mitbürgern enger anschließen würden, und weil ja doch, wenn man die Sache ohne Vorurtheile betrachte, ein Tag gerade so gut sei, wie der andere;" wenn sie eine solche Forderung, wie sicher anzunehmen ist, zurückgewiesen hätten, und man sie unter diesem Vorwände in dem Zustande der Unterdrückung und Zurücksetzung gelassen hätte, auf welcher Seite würde dann das civilisirte Europa die Sache der Gerechtigkeit und der.Humanität gesucht haben? Ich mag diesen Weg der Argumentation nicht so weit verfolgen, wie ich ihn verfolgen könnte und verfolgen würde, wenn ich die rohe Sinnesart unserer Gegner besäße. Die gegebenen Andeutungen werden für jeden Verständigen genügen, und ich hoffe, daß diejenigen frommen Christen, die eine achtungsvolle Schonung nicht minder gegen fremde religiöse Meinungen und Gebräuche zu hegen, als für die eignen in Anspruch zu nehmen gewohnt sind, das Unerfteuliche, was auch die mildeste Andeutung der