Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 9 (6.7.1832)
- Date
- 1832-07-06
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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t 68 zur Anmaßung eines weltlichen Regiments habe? Ich überlaffe dem Leser jede weitere Reflexion: denn es ist bei solchem Unffnn wirklich schwer, den Ernst zu behaupten, der der Beurtheilung legislativer Verhandlungen angemessen ist. — Ich weiß wohl, daß solche, und, wo möglich, noch schlechtere Argumente immer noch gut genug sind, um die gewaltsame Unterdrückung zu behaupten, die 1200000 Badische Christen gegen 180OO Badische Juden üben; die Logik in den Russischen Manifesten gegen Polen z. B. ist wenig besser, nur etwas feiner, und ist doch gut genug für ihren Zweck. Aber freilich etwas mehr Ehrgefühl würden "solche Leute verrathen, wenn sie ihren bösen Willen in schweigender Abstimmung kund gäben, anstatt durch solche Argumente eine sehr schlimme Meinung von ihren Verstandeskräften und doch keine bessere von ihrem Herzen hervorzurufcn. Wir kommen auf eine andere Art von Argumenten, mit welchen man in den Debatten gegen das jüdische Religions-System, das zu Behuf einer Verbesserung der bürgerlichen Lage der Juden reformkrt werden soll, sehr freigebig gewesen, ich meine solche, die auf die Vernünstwidrigkeit jenes Systems, auf die Vorurtheile, den Aberglauben, die Thorheiten u. s. w., die ihm zum Grunde liegen sollen, hinaüsgehen. Dieses politisch-kritische Verfahren kann nicht ernst und entschieden genug zurückgewiesen werden : denn so lange man davon nicht bis auf die letzte Spur abläßt (wie es freilich die Gesetzgebungen aller civilisirten Staaten, bis auf Baden, bereits gethan haben), oder etwa nur solche Leute zu Gesetzgebern macht, die selbst gar keine Religion haben, und denen durch die Erziehung keine Anhänglichkeit an irgend eine Religion angewöhnt ist, damit sie alle Religionen mit wahrhafter Unparteilichkeit nach einem Maßstabe der Vernunft messen können — so lange wird auf diesem Felde die Uebermacht, die hier den Kläger, den Richter und den Henker in eigener Sache macht, immer die erforderliche Beschönigung für jede Art und jeden Grad der Unterdrückung Andersglaubender zu finden wissen. Manche werden in jener feinm rationalen Kritik eines ftemden Glaubens vielleicht einen Beleg höherer Bildung finden wollen; ich kann darin nichts finden, als einen hohen Grad von Rohheit des Verstandes und des Herzens. Der Gebildete erkennt die eigne Eigenthümlichkeit im Leben wie im Glauben; er begreift, daß sie etwas Anderes ist, als das für Alle Nothwendige, das absolut Wahre, das Vernünftige; dämm weiß er auch die fremde Eigenthümlichkeit zu würdigen, und legt nicht einen Maßstab an sie, nach der e.r selbst nicht gemessen sein will. Der rohe Mensch aber hält die Form des eignen Seins, der eignen Gewöhnung, und sei sie eine noch so besondere, noch so individuelle, für das Vernünftige, für das allgemein Nothwendige selbst;- jedes fremde Leben ist ihm daher schlechthin unvernünftig und unbegreiflich; er glotzt es an mit starren Augen und offenem Munde, es dumm bewundernd, wie ein Wunder, wenn es glänzt und ihm zu imponiren vermag, dumm verhöhnend, wenn es in bescheidenerer Form austritt. Diese Befangenheit bringt in sehr verschiedenartiger Beziehung lächerliche Erscheinungen hervor. Man erzählte mir in Dänemark von einem Franzosen, der, nachdem man ihm mit vieler Mühe begreiflich gemacht hatte, daß „ Wasser" auf Dänisch „ Wan " heiße, verwundert ausrief: „Wan! Wan! Mon Dieu! Quelle „langue! Wan! Pourquoi ne pas dire tout „simplement: de 1'ean?" Diese Naivetät kommt mit der Art und Weise, wie die Bekenner einer Religion die Formen einer anderen zu beurtheilen pflegen, ungefähr aus derselben Quelle. Nur tritt hier eine wesentliche Verschiedenheit zwischen dem Charakter der Deutschen und dem der Franzosen und Engländer hervor. Jene Einseitigkeit und Befangenheit, die den letzteren in nationaler Rücksicht beiwohnt, ist hen Deutschen viel weniger in dieser Beziehung, aber in viel höherem Grade in Beziehung auf Meinungen und Systeme eigen. Der fromme Englische Christ findet es ganz in der Ordnung, daß er auf seine strenge Weise den Sonntag feiert, und er weiß es sehr wohl, daß er, auch wenn er in der Türkei lebte, seinen religiösen Ruhetag am Sonntag, und nicht zur Gesellschaft mit seinen Türkischen Landsleuten am Freitag feiern würde; aber er ist auch weit entfernt, es abergläubisch zu finden, daß der Jude seinen Sabbaih am Sonnabend feiert, und ihm zuzumuthen, ihn aus Aufklärung und Geselligkeit auf den Sonntag zu verlegen. Der aufgeklärte Französische Katholik hält es für eine unschuldige Thorheit, kein Schweinefleisch, aber für eben dasselbe, an Fasttagen überhaupt kein