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Der Jude · 1832-06-01 · Heft 6 (1.6.1832) · p. Seite 44

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 6 (1.6.1832)
Date
1832-06-01
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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44 ' zur Ausübung des vorenthaltenen Rechts erforderlich sei; jeder Versuch, sie anderweitig zu begründen, ist der Geschichte, der Wahrheit, der Vernunft, der Redlichkeit zuwider. Wenn es gelänge, die Wahrheit dieses Satzes auf eine für Alle überzeugende Weise darzuthun, so könnten wir das Ziel der vorliegenden Untersuchung als erreicht betrachten: denn eben, jener einzigen Grundlage, auf welcher jene Gesetze feststehen können, ist in den Verhandlungen kaum eine Erwähnung geschehen: so allgemein ist das Bewußtsein, daß ein dem Glauben verliehenes Privilegium der Würde der Religion wie dem Geiste unserer Zeit entgegen ist. Von allen Rednern hat nur ein einziger, de: Abg. Rinde sch wender den christlich religiösen Standpunkt gegen die Juden geltend gemacht, und geradezu behauptet, die Juden könnten darum nicht volle Bürgerrechte erhalten, weil das Christenthum die Ausschließung Andersglaubender verlange. So sehr diese Ansicht den Grundsätzen göttlicher Gerechtigkeit und menschlicher Würde und Freiheit widerspricht, weil sie heilige Ueberzeugungen mit irdischen Interessen verknüpft, so hat sie doch logischen Zusammenhang und historische Wahrheit, und ist gefährlich und durch Gründe nicht zu überwinden, so lange sie in den Seelen Macht hat, und nach dem Zustande der Ueberzeugungen Macht haben kann. Aber es ist eben unmöglich, daß sie diese Macht in unseren Tagen bei der tausendfachen Divergenz der Meinungen Derer, die sich der Form nach zu einer Religion bekennen, üben könne, und daß sie mehr als ein leeres Wort sei. Welches Christenthum ist es denn, das die Grundlage des Europäischen Staatensystems bilden soll? das des Mystikers, des sogenannten Orthodoxen oder Supernaturalisten, oder das des Rationalisten? Ist zwischen dem Glauben Dessen, der das Wesen der christlichen Religion in der Erlösung der Menschen von ihren Sünden durch den Tod des Heilandes, in dem heiligen Geheimniß der Dreinigkeit, in dem durch den Genuß der Sakramente zu erwerbenden Antheil an der ewigen Seligkeit sieht, und zwischen dem Glauben jenes Anderen, der den Inhalt seiner Religion lediglich in den Grundsätzen der Moral findet, die auch in anderen Religionen enthalten sind — ist zwischen dem Glauben dieser Beiden nicht in Wahrheit ein größerer Abstand, als zwischen den Ueberzeugungen des Letzteren und denen des Juden, der in denselben Grundsätzen auch das Wesen seiner Religion erkennt, wie ja schon der Rabbi Hillel im Talmud sagt: „Thue nicht „deinem Nächsten, was du nicht willst, das dir geschehe: dieses ist die Religion; alles Uebrige folgt aus „diesem Satze." Ich frage nicht, mit welchem Rechte — denn von einem Rechte kann hier nicht die Rede sein — aber in welchem Sinne schließt Ihr den Letzteren aus, während Ihr den Ersteren, wenn er gleich sich offen zu den Grundsätzen des Deismus bekennte, weder ausschließen wollet noch könnet? Und wie verträgt sich denn jene innige Einheit des religiösen Lebens, die die Grundlage des Staatslebens bilden soll, mit der Verschiedenheit der Glaubenslehren der christlichen Religions-Partheien? Herr Rindeschwender wird vielleicht antworten, diese Verschiedenheit sei nicht so groß, daß sie jene innige Einheit stören könnte. Es ist aber schwer einzusehen, wie ein schrofferer Abstand zwischen mehreren Konfessionen Statt finden kann, als wenn die als orthodox anerkannte Lehre der einen die Bekenner der anderen der ewigen Verdammniß Preis giebt. Dieser Gegensatz ist viel stärker, als er zwischen dem Judenthum und einer anderen Religion je Statt finden kann; das Judenthum kennt kein Dogma der Ausschließung von der göttlichen Gnade des Glaubens wegen; der Talmud und die Rabbinen lehren ausdrücklich, daß die Rechtschaffenen aller Religionen Antheil am ewigen Leben haben. Oder schließt Herr Rindeschwender die Lehren der christlichen Kirchen von seinem Europäischen Staats-Christenthum gänzlich aus, und versteht darunter nur die Gesammtheit der subjektiven Ansichten über das Christenthum, wie sie sich in den Seelen seiner Bekenner gebildet haben? Dann wäre der Staat auf's tiefste zu bedauern, der seine Kraft aus einer Einheit schöpfen wollte, die auf einer leeren Fiktion beruht, da ihr weder die innige Uebereinstimmung Aller in einer unerschütterlich feststehenden und als wahr anerkannten Lehre, noch die hohe Einheit menschlicher Gesittung zum Grunde liegt, auf welche die freie ungehemmte Ausbildung aller menschlichen Anlagen die. Menschen unfehlbar hinführt. — Aber auch bei diesem einzigen Redner, der ein fanatisches Prinzip offen und unumwunden vertreten hat, zeigt sich eine seltsame Verwirrung der Begriffe in dem

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