Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 4 (22.5.1832)
- Date
- 1832-05-22
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 wie das Marionetten-Spielen, das Musiciren auf den Straßen u. dgl. m. nur von diesen getrieben wird; dann vollends ist die Maßregel unzureichend, ungerecht und unklug. Was können solche schiefGVerordnungen für einen anderen Zweck erreichen, als daß sie die sinnlosesten Vorurtheile des Pöbels bestärken? Wie will man sich darüber wundern, daß Rohheit und Dummheit den Pöbel gelegentlich zu Excessen verleiten, wenn ihm seine Vorgesetzten mit solchen Beispielen vorangehen? Hat der Leipziger Stadtmagistrat etwa geglaubt, daß die Cholera vorzugsweise Juden zu befallen pflege? Ist ihm das notorische Faktum unbekannt geblieben, daß gerade umgekehrt an vielen Orlen, z. B. in Posen, in Berlin, das Verhältniß der Anzahl der Erkrankten den Juden äußerst günstig gewesen? ein Umstand, der sich leicht aus der größeren Mäßigkeit der geringeren Klassen unter den Juden erklärt, vielleicht auch theilweise einer sorgsameren Armenpflege zuzuschreiben ist: " welcher letztere Grund wenigstens in Beziehung auf die Judengemeinde zu Posen in einem eignen Belobungs-Schreiben von der Preussischen Regierung ausdrücklich anerkannt worden ist. Um übrigens nicht unbillig gegen den Leipziger Stadtrath zu sein, müssen wir noch bemerken, daß es auch anderwärts an ähnlichen Thorheiten in ähnlicher Beziehung nicht gefehlt hat. Ein Beispiel, das mir gerade am nächsten liegt, mag zum Beweise dienen. Kurz vor dem Ausbruche der Cholera in Hamburg erschien eine vom Hamburgischen Gesundheitsrath entworfene Belehrung in Beziehung auf die herannahende Epidemie. Ich und viele Andere mit mir waren nicht wenig erstaunt, in diesem gleichsam offi'ciellen Aktenstücke unter den aus der Fremde kommenden Personen, mit denen jede Berührung zu vermeiden angerathen wird, die Betteljuden als eine besondere Klasse aufgeführt zu finden. Dieses Erstaunen ist sehr erklärbar. Wer Hamburg einigermaßen kennt, weiß es, daß unter den Bettlern, die sich vor den Thoren Hamburgs — denn in der Stadt wird überhaupt sehr wenig gebettelt — umhertreiben, die jüdischen nicht im mindesten einen hervorstechenden Platz einnehmen, vielmehr in der Menge ganz unmerklich sind, und vollkommen wegfallen. Ich habe denselben Sommer, in welchem jene Belehrung abgefaßt worden, auf dem Lande in der Nähe von Hamburg zugebracht, und kann versichern, daß unter den Hunderten^ von Trödlern, Musikanten, Bettlern und Herumtreibern aller Art, die täglich meiner Thüre vorüber gingen, sich kaum einige wenige Juden befanden. Entweder haben die Verfasser jener Anweisung bei der Abfassung sich mehr durch dunkle Erinnerungen aus den Mährchen ihrer Kinderjahre, als durch die vor ihren Augen befindliche Wirklichkeit bestimmen lassen; oder sie haben jenen Paragraphen, ohne weiter über den Inhalt nachzudenken, aus irgend einer auf andere Gegenden und andere Verhältnisse berechneten Instruktion entnommen, etwa aus einer für Preußische Gränzbeamte nach der Gränze von Polen hin entworfenen, wo ja allerdings ein ansehnlicher Theil der ärmsten Volksklasse, so wie der größere Theil der Handeltreibenden, aus Juden besteht. Was übrigens die Sanitäts-Maßregeln gegen die Cholera an der Preußisch-Polnischen Gränze betrifft, so waren hier, so viel ich weiß, keine Ausnahms-Gesetze gegen Handelsjuden verfügt, und die Ausnahme bestand hier nur darin, daß man die allgemein geltenden Vorschriften gegen sie in Vollziehung brachte. Die hohen politischen Rücksichten, die das Verfahren der so vielfach verkannten Preußischen Regierung in dieser Angelegenheit geleitet, erheischen, daß man dem eignen Urtheile darüber Stillschweigen gebiete und sich lediglich an die Thatsachen halte. Bekanntlich waren die Bewohner der Ostsee-Provinzen, wie die meisten anderm Leute, ehe die Cholera sie erreicht hatte, starke Kontagionisten, und die Einwohner von Königsberg insbesondere beklagten sich in der bekannten, an den König gerichteten Beschwerdeschrift bitterl'ch darüber, daß die Kommunikationen mit der Russischen Armee, die damals im Kriege mit den unglücklichen Polen begriffen war, ihre Sicherheit gefährdeten, daß Strusen mit Proviant beladen ohne Rücksicht auf die Quarantaine-Gesetze die Weichsel hinauffuhren, daß Brod für die Russische Armee in Königsberg gebacken wurde u. s. w. Wenn nun, wie gesagt, hohe politische Rücksichten nicht gestatteten, diesen Beschwerden treuer Unterthanen Gehör zu geben, wenn demungeachtet in der Nähe der Preußischen Gränze, bei Thorn, unter ziemlich ungezwungenem wechselseitigen Verkehr die Brücke über die Weichsel geschlagen werden mußte, die zum Untergange Polens führte — denn in Warschau mußte ja, wie jener Französische Minister sich