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Der Jude · 1832-05-22 · Heft 4 (22.5.1832) · p. Seite 27

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 4 (22.5.1832)
Date
1832-05-22
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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37 Die berühmtesten Aeyste und Naturforscher haben sich bis auf den heutigen Tag über das Geheimniß der Art und Weise der Verbreitung der asiatischen Cholera nicht vereinigen können. Ob sie sich miasmatisch durch die Luft, im Wasser oder auf der Erde fortbewegt, ob sie durch die Kranken selbst oder durch Stoffe, die mit den Kranken in Berührung waren, ansteckt z ob sie allenthalben freiwillig entsteht oder durch Würmer verbreitet wird -- über alle diese Fragen rst die Literatur mit einer großen Menge mehr oder weniger tiefsinniger und gelehrter Kontrovers-Schriften bereichert worden, ohne daß man bis jetzt zu einer allgemein als wahr anerkannten Entscheidung hatte gelangen können. Unter diesen Umstanden, da der Verstand der Verständigen so kurzsichtig befunden worden, verdient gewiß die eigne Ansicht eine hohe Beachtung, die die heilige Einfalt der Leipziger Meßbehörde der angeführten Maßregel zum Grunde gelegt. Sie sieht keines der vier Elemente, nicht die Krankheit selbst, nicht giftfangende Stoffe als das Medium der Verbreitung der Cholera an, sondern — den falschen Glauben. Der Sitte der frommen Vorfahren eingedenk, die, wenn die Pest hereinbrach, Ketzer und Juden verbrannten oder vertrieben, um den Himmel zu sühnen, der erzürnt schien über die Duldung der Ungläubigen, schüeßt sie die Juden von ihrer Messe aus. Wie der Herzog von Modena den Revolutionairs die Erdbeben Schuld giebt, die Italien verwüsten, schreibt sie den Bekennern des Judenthums die Fortschritte der Cholera zu. Doch nein! wir wollen nicht ungerecht sein. Ganz umsonst hat die Sonne des 19ten Jahrhunderts selbst dem Leipziger Stadt - Magistrat nicht geleuchtet; er hat zu unterscheiden gelernt. Er ist aufgeklärt genug geworden, um neben der reinigenden Macht des Glaubens noch eine zweite lauternde und beseligende Macht anzuerkennen, die des Geldes. Er unterscheidet daher, erstlich, zwischen Christen und Nicht-Christen; zw eite ns-unter den Letzteren zwischen solchen, die 100 Thaler reich sind, und die keine 100 Thaler reich sind. Hundert Thaler im Vermögen, oder das Christenthum: das sind die beiden Bedingungen, zwischen denen er den Leuten, die die Messe besuchen wollen, die Wahl laßt. Da von diesen beiden Bedingungen die letztere ungleich leichter und schneller zu erfüllen ist, als die erste, so ist es von der Gerechtigkeitsliebe tm Leipziger Meßbehörde zu erwarten, daß sie in den Kontumaz-Anstalten neben dem Desinfektions-Apparat auch das Nöthige zur religiösen Läuterung vorkehM lassen wird, damit der Bekehrte, von der mitgebrachten Disposition zur Cholera nach der Methode des Professor Oertel geheilt, seinen geistigen Desinfektions-Schein mit triumphirender Miene am Leipziger Thore vorzeigen und demnächst, seine Meß- Geschäfte ungestört verrichten könne. Gewisse Missions-Vereine, die irdische Verlegenheiten so gut für himmlische Zwecke zu benutzen verstehen, werden diese Gelegenheit zur Förderung ihrer heiligen Absichten nicht unbenutzt verstreichen lassen, und so könnte es leicht kommen, daß Einer sich im Stande sähe, den beiden obigen Bedingungen auf ein Mal zu genügen. Der Leser halte diese Bemerkungen nicht für den Ausdruck übler Laune oder eitler Lust am Spotten; die Sache hat sehr ernste Seiten. Nichts schmerzt mich mehr in tiefster Seele, als wenn ich das Heiligste durch eine sinnlose Verbindung mit dem Gemeinsten herabgewürdigt sehe. Wenn aber diese Entwürdigung in grellen Gegensätzen da hervortritt, wo auf jene entweihende Verbindung mit schwerem Tadel hingewiesen wird, so fällt die Schuld auf das Haupt Derer, die jenes traurige Mißverhältm'ß hervorgerufen, nicht auf Die, die es, bezeichnen.. Ich ftage jeden Menschen, der im Stande ist, einen vernünstigen Gedanken zu fassen: was in aller Welt hat die Cholera mit Christen und Juden zu thun? Warum soll die Ausschließung der Juden für ein Mittel zur Abwehrung der Cholera gelten? Wollte man, um jeden überflüssigen Andrang zu verhüten, daß die Messe nicht von Fremden besucht werde, deren der Meßver» kehr entbehren kann, warum schloß man nicht schlechthin Alle aus, die gewisse Handthierungen treiben, oder nicht ein gewisses Vermögen besitzen, gleichwie man den Hausirhandel schlechthin Allen verbietet? Hier sind zwei Fälle möglich. Entweder sind es nur Juden, die jene auszuschließenden Handthierungen auf der Messe treiben; dann hätte man durch eine vernünftige, Niemanden anstößige Bestimmung dasselbe erreicht, was man durch die vorliegende Erreichen will, die jedem Unbefangenen als das Werk einer fixen Idee erscheinen muß. Oder es werden jene Pack-, Bündel-, Trödel- und andere Geschäfte auch von Christen getrieben, so 4*

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