Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 2 (4.5.1832)
- Date
- 1832-05-04
- Page
- Seite 13 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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13 Verhandlungen vor uns liegen, nennen — rücksichtlich der öffentlichen Meinung von der Regierung gehegt worden, — obgleich schon die Ständeversammlung von 1819, bekanntlich die populärste von denen, die der letzten vorangingen, sich in einem günstigen Sinne ausgesprochen, und die Regierung in Folge davon im Landtagsabschiede von 1819 bereits die Vorlage eines neuen Gesetzes versprochen hatte — liefert das folgende kn den Verhandlungen S. 60 vorkommende Zwiegespräch: „Der Abgeordnete Heinzelmann: Ich erlaube mir eine Frage, ob es nicht für den Erfolg der Berathung zweckmäßig wäre, wenn wir von dem Herrn Regierungskommissäre die Gründe hörten, welche die Regierung vermocht haben, das königl. Wort des Landtagsabschiedes vom Jahre 1819 bisher, ungelöst zu lassen? Jene Zusicherung war damals ganz bestimmt gegeben, und während der seitdem versiossenen Zeit muß die Regierung eine Menge Erfahrungen gemacht haben, welche bei heutiger Berathung benutzt werden könnten." „Der königl. Ministerial-Rath v. Abel: Der sehr geehrte Redner vor mir hat eine Frage an mich gerichtet, zu deren Beantwortung ich nicht beauftragt bin." „Indessen hätte der geehrte Redner diese Antwort sich wohl selbst geben können, wenn er die Stimmung der Gemüther und die Macht tief eingewurzelter Vorurtheile, die bei dem in Frage stehenden Gegenstände so oft noch ihre Sprache geltend machen, gehörig gewürdigt hätte. Die Staats-Regierung hat, wie mir scheint, die Verhältnisse, welche dem Erfolge eines Gesetzvorschlages über die rechtlichen Verhältnisse der Israeliten hemmend in den Weg treten, genau erwogen^ sie hat wohl abwarten müssen, bis die Begriffe und Ansichten reifer geworden sind, für Gesetzvor. schläge, die ihrer würdig sein möchten." Der Inhalt dieser Worte hat manches Erfreuliche und manches Befremdende zugleich. Erfreulich ist es zu sehen, wie Volksvertreter und Regierende beide die Schuld der langen Fortdauer des bestehenden Unrechts von sich abwälzen möchten, wie Keiner die Verantwortung für das nicht Geschehene übernehmen, wie Jeder sie dem Anderen zuschieben will. In den Aeußerungen des Organs dev Regierung muß auch Jeder, der nicht ein unwürdiges Mißtrauen in ihre Redlichkeit setzte, die Bürgschaft finden, daß die R<^ gierung nunmehr, da die Reife der Begriffe und Ansichten, die sie abwarrete, eingetreten, einen ihrer würdigen d. h. auf einen auf vollständige unverkümmerts Gleichstellung abzielenden Gesetzes-Vorschlag machen wird. Wer würde es noch wagen, dem durch ihre gesetzlichen Organe konstatirten Willen der Nation eine durch irgend ein Geschrei sich offenbarende Pöbelmeinung entgegenzusetzen? Daß eine politische und sociale Trennung, die Jahrtausende gewährt, auch gar manche Trennung in den Gemüthern erzeugt, daß verworrene Begriffe in manchen Köpfen die rechte Ansicht, daß Gefühle des Neides, Lust, zu unterdrücken in manchen Gemüthern die rechte Gesinnung trüben, wer kann das läugnen? Aber eher könnte das verworrene Durcheinander-Schreien eines Schwarmes von Wahnsinnigen Harmonie erzeugen, ehe jenes bunte Gemisch der verschiedenartigsten Vorurtheile und Leidenschaften eine einige öffentliche Meinung bilden könnte. Wohl ist des Volkes Stimme eine Gottes-Stimme; aber auch sie hat ihre trügenden oder betrogenen Priester, die ihre falschen Orakel trüglich verkünden; die ihre Offenbarung nicht in dem Sonnenlichte der öffentlichen Rede erkennensondern sie aus den dunkeln Wäldern des Jrrthums, aus den Nebel-bedeckten Höhlen der Vorurtheile und der Leidenschaften hervorzaubern und errathen wollen. Jndeß Hätte freilich ein Ereigniß aus den letzten Jahren die Bairische Regierung zur Genüge darüber aufllären können, daß eine erleuchtete Regierung/ wen» sie sich in öffentlichen Debatten auf die heiligsten Grundsätze des natürlichen Rechts und der wahren Politik stützt, jene „Stimmung der Gemüther," jene „Macht tief eingewurzelter Vorurtheile" nicht zu fürchten hat, daß. es nichts machtloseres giebt, als eins unfceisi'nnige Opposition, weil es nichts sich selbst mehr widersprechendes giebt — ich meine das Resultat der landständischen Verhandlungen Würtembergs im Jahr 1828. Hier hat das Vorurtheil seine ganze Rüstkammer alberner Erfindungen erschöpft; hier traten noch alle die alten langst wiederlegten gehässigen Jrrthümer, von denen in den vorliegenden Debatten kaum eine Spur mehr zu finden, schlagfertig in die Schranken, und mußten von Neuem widerlegt werden.