Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 2 (4.5.1832)
- Date
- 1832-05-04
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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12 anderen Reformen befolgte, bauend, ernst und würdig zur Sprache gebracht, unbekümmert um die Niederträchtigkeit einzelner Schriftsteller, die ihnen mit Pöbel- Aufläufen drohten, wenn sie ihre Menschenrechte zur Sprache brächten. Und nirgends, allen finsteren Prophezeiungen zum Trotz, nirgends ist eine Meinung der Majorität, die dem Princip der Verbesserung entgegen wäre, sichtbar geworden. Waren auch die Meinungen verschieden darüber, wie weit man mit einem Male gehen wolle, ging man auch bei dieser, wie bei anderen Verbesserungen, wo gerade der Augenblick nicht zu drängen schien, mit gewohnter Vorsicht nicht in einem Schritte auf das Ziel zu, so ist doch über das bestehende System allenthalben ein einstimmiges Verdammungs-Urtheil gefallt, so ist doch die Nothwen- Ligkekt, daß es anders werden müsse, nirgends bestritten worden. Am edelsten aber, am kräftigsten und entschiedensten von allen gesetzgebenden Versammlungen HM sich die Kammer der Bairischen Volksvertreter ausgesprochen, und, wenn selbst das augenblicklich gewonnene Resultat noch so wenig entscheidend wäre, so würden die vorliegenden Verhandlungen doch für die Sache der Gewissensfreiheit in Baiern wie in Deutschland von unschätzbarem Werthe sein, weil sie am besten geeignet sind, das verderblichste aller Argumente zu vernichten, indem sie unwiderleglich darthun, daß die wahre, ächte, durch die frei gewählten Vertreter eines Deutschen Volkes, durch den Kern dieser Nation offenbarte öffentliche Meinung der Gleichstellung der Juden entschieden günstig ist. Diese Ansicht der Sache gewinnt noch an Bedeutung, wenn man die Stellung erwägt, in welcher sich die Bairische Kammer an dem Tage, an welchem der Vorschlag zur Diskussion kam, bereits befand. Fest entschlossen, den ihr von der Nation gewordenen Auftrag ganz und unbedingt zu vollführen, zu keinem Gesetz-Entwurf ihre Zustimmung zu geben, der dem eignen Gewissen, der eignen Ueberzeugung von Dem, was dem Wohle der Nation förderlich, so wie den Bestrebungen der Edelsten der Nation nicht entspreche, war sie bereits in die beklagenswerthe Spannung mit den Organen der Regierung und mit der ersten Kammer gerathen, die späterhin in der Verwerfung des Preßgesetzes so traurige Früchte getragen. Wie sehr mußte sie unter diesm Umstanden die Nothwendigkeit erkennen, sich auf die öffentliche Meinung zu stützen, sie zu schonen, und nichts zu beginnen, was dieselbe von ihr abwenden könnte! Der edle Sinn, der sie beseelte, gkebt freilich keinem Zweifel darüber Raum, daß sie das erkannte Recht auch der Volksstimme nicht würde zum Opfer gebracht, daß die Stimme ihres Gewissens, wie es die Pflicht der Abgeordneten Ln repräsentativen Staaten im Sinne unseres Jahrhunderts ist, den ungerechten Willen der Masten wie den der Regierung überwogen haben würde; aber sie würde dann mit dem Bewußtsein, eine schwere, ernste, gefahrvolle Pflicht 'zu erfüllen, gehandelt haben, und diese Stimmung würde Ln den Verhandlungen sichtbar geworden sein. Aber gerade die Freudigkeit, der heitere Enthusiasmus, die jene Verhandlungen beleben, sind es, die sie in so hohem Grade erfreulich machen. Nirgends schimmert bei den Rednern auch nur die leiseste Besorgniß durch, daß ihre Gmndsätze und Abstimmungen mit den Wünschen ihrer Kommittenten nicht im Einklänge stehen könnten; man sieht es klar, daß, wenn gleich die Ungerechtigkeit des Gesetzes ihre Jüdischen Mitbürger von Denen ausschloß, die sie zur Vertretung der Rechte des Volks gesandt, sie doch die Lösung der Fesseln Jener zu den würdigsten Aufgaben ihrer Sendung zahlten. In welchem schönen Sinn man die Frage auffaßte und bis an's Ende behandelte, dazu mögen die folgenden Worte zum Belege dienen, mit welchen der zweite Präsident Seuffert die Debatten schloß, nachdem die beredtesten und populärsten Männer der Kammer mit edlem Wetteifer in warmen eindringlichen Worten für die Emancipation gesprochen: „Meine Herren! Ich habe das Wort nicht früher genommen, weil mir das Zuhören so großes Vergnügen machte. Eine große, heilige Sache ist heute auf der Tagesordnung, die Sache der Glaubensfreiheit, und fleh', von allen Seiten hat sie nur Vertreter — nicht einen einzigen Gegner gefunden. Die Menschheit wird heute, ich bin dessen versichert, einen schönen Triumph feiern, und der heutige Tag durch den Beschluß, den wir zu fassen im Begriffe sind, ein Ehrentag der Bairischen Standeversammlung werden?" Einen interessanten Beweis dafür, daß auch in Baiern das eben bezeichnete Mißverständniß —- so dürfen wir es wohl, nachdem die in Rede stehenden %