Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 1 (10.4.1832)
- Date
- 1832-04-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 «ußtsein hinlänglich entwickelt sei, von selbst eintreten, und unser eignes beständiges Bemühen sei überflüssig oder unnütz. Das Beispiel Frankreichs ist es insbesondre, worauf sich diese Ansicht stützt, und allerdings ist dort die volle Gleichstellung der Juden als die strenge Folge eines als gerecht anerkannten Grundsatzes in's Leben getreten. Aber die flüchtigste Vergleichung des Geistes der ersten Französischen Revolution mit dem Geiste, der die politischen Fortschritte und Verbesserungen Deutschlands leitet, zeigt zur Genüge, daß ein Schluß von dem einen Lande auf das andere unzulässig ist. Die Französische Revolution ist durchweg nach absoluten Principken verfahren, die ihre Gebote, wie unfehlbare Orakelsprüche der Vernunft, gellend machten, unbedingt vertrauend auf ihre innere Wahrheit, unbekümmert um augenblickliche Folgen, und ohne in ihrer Anwendung darnach zu fragen, ob im Leben allenthalben ein Bedürfniß darnach, ob die nöthige Reife dafür vorhanden sei. Den entgegengesetzten Weg hat die politische Entwickelung Deutschlands eingeschlagen. Nirgends wird ein Princkp um seiner selbst willen durchgeführt; die Folgen, meistens die augenblicklichen, sind es, nach denen man vor Allem fragt; weniger auf die Gerechtigkeit der Sache, als auf das Bedürfniß, auf die Reise Derer, die ein Recht in Anspruch nehmen, wird Rücksicht genommen. Selbst für das anerkannte Gute wähnt man gar leicht, wie man sich auszudrücken pflegt, die Zeit noch nicht reif, und verächtlicher, als der Fuchs in der Fabel, beschönigen Manche ihre Trägheit mehr als ihre Schwäche mit der angeblichen Unreife der Frucht, die sie pflücken könnten, wenn sie die Hand darnach ausstrecken wollten. Darum darf in Deutschland kein Fortschritt dem Siege des Prinzips allein überlassen bleiben; ein lebendiges Interesse, ein tief wurzelndes Bedürfniß muß seine Stimme laut werden lassen; die Reise der Betheiligten muß beurkundet werden. Welche von den beiden bezeichneten Verfahrungs-Arten die heffere ist, haben wir nicht zu entscheiden; die Verschiedenheit der Verhältnisse muß von uns genommen werden, wie sie ist. Vielleicht dedurfte die erste Französische Revolution eben darum, weil sie es darauf wagte, ihre Grundsätze über das im Leben vorhandene Bedürfniß, über die vorhandene Empfänglichkeit hinauszutreiben, einer so ungeheuren Gewalt, um sich zu behaupten; vielleicht mußte sie darum selbst die Freiheit im Leben oft unterdrücken, um ihr Princip aufrecht zu halten. Hoffentlich wird Deutschland die langsamer erworbene Freiheit sicherer und weniger von Stürmen getrübt besitzen. Auch wir, denen des Glaubens wegen an Freiheit mehr als dem gedrücktesten Volke fehlt, denen die theuersten Rechte vorenthalten werden, für die schon oft das Blut von Hunderttausenden geflossen, dürfen uns, wenn wir mir Neid auf das vor vierzig Jahren von unseren Glaubensgenossen im Nachbarlande Gewonnene hinüberblicken möchten, mit der Hoffnung trösten, daß der langsam der mütterlichen Erde entwachsene, mit Mühe und Liebe gepflegte Baum unserer Freiheit tiefere Wurzeln schlagen und uns edlere Früchte tragen wird, als Jenen der über Nacht gepflanzte, wie durch eine Zauberformel in's Leben gerufene Freiheitsbaum. Aber an jener mühsamen liebevollen Pflege dürfen! wir es keinen Augenblick fehlen lassen. Wer sich selbst hilft, dem wird Gott helfen! Wer sich aber selbst verlaßt, der wird von Gott und Menschen verlassen werden! Aber fteilich sind es nur Worte, nur Gründe, die wir der Uebermacht entgegenstellen können. Freilich werden wir uns manchmal in der unvermeidlichen Verlegenheit befinden, Grundsätze geltend machen zu müssen, die in Deutschland in der Theorie schon zu Gemeinplätzen geworden sind, und doch im Leben noch gar geringe Anwendung gefunden haben; freilich wird Mancher vornehm die Achzeln zucken über unseren Mangel an Originalität, über die ewigen Wiederholungen von den Menschenrechten, von denen nun seit einem halben Jahrhundert so viel geredet und geschrieben worden! Denn es ist ein bekannter Kunstgriff, gegen die Wahrheit, deren Gewalt man nicht zu widerstehen vermag, ihre Unbestreitbarkeit selbst als Waffe zu gebrauchen, und durch ihre Alltäglichkeit in der Theorie ihre noch sehr neue Anwendung zu beseitigen. Wir wollen uns dadurch nicht irre mache» lassen. Recht und Wahcheit sind ewig wie die Welt: ist es ihre Schuld, wenn sie ihre Mahnungen lange wiederholen müssen, ehe sie Anerkennung finden? Können ihre Vertheidiger nicht immer neu und geistreich, nicht immer unterhaltend sein, können fie die zum ernsten Kampf gerüsteten Waffen nicht immer mit Blumen umwinden und das heitere Schau-