Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 1 (10.4.1832)
- Date
- 1832-04-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 sie mit gleichen Kräften und Anlagen ausgestattet, und ste dazu noch bereichert mit der ganzen Erbschaft der Vergangenheit, die ste, ohne ihre Schulden zu übernehmen, anzutreten befugt ist. Darum aber soll die Gegenwart nicht lieblos und ungerecht gegen die Vorzeit sein, von der ste eine reiche Fülle kostbarer Lehren und Erfahrungen zum Geschenk erhalten, die ste selbst zu sammeln nicht vermocht hatte, und ohne welche sie der eignen Bildung entbehren müßte. Mit aller Starke muthiger Jugend soll die Gegenwart das Recht des Fortschritts, der Bewegung, ihren heiligen Glauben an eine bessere Erdenzukunft vertheidkgen; aber fromm, wie eih liebender Sohn die Ehre des Vaters, soll ste die Würde der Vergangenheit vertreten gegen das ungerechte Urtheil der Uebermüthigen und gegen den Hohn der Spötter. Während nun aber in den letzten Decennien jeder Richtung der Vorzeit sammt ihren Ueberresten in der Gegenwart billige Anerkennung, den meisten parteiische Überschätzung zu Theil geworden, wahrend die Hierarchie, die Kreuzzüge und alle anderen Ergebnisse des christlichen Mittelalters ihre Vertheidiger und ihre überspannten Verehrer gefunden, ist das arme Judenthum allein in seinen alterthümlichen Formen, denen es sich zu entwinden im Begriff ist, noch immer fast ausschließend der Gegenstand der einseitigsten unbarmherzigsten Kritik gewesen, und es ist, als wenn diese, die sonst in Gegenständen des Glaubens wieder so milde und so schonend geworden, alle ihre Schärfe und Härte auf diesen einen Punkt verwendete, woraus denn eine Ungleichheit der Beurtheilung hervorgeht, die um so beklagenswerther ist, da sie auch den rechten Standpunkt für die Auffassung der rechtlichen Frage zu verrücken droht. Es ist ein seltsames Schauspiel, wie hier fanatische und kritische Intoleranz so eng in einander greifen, daß ihr Ausdruck oft nicht von einander zu unterscheiden ist; wie verschiedene Gesinnungen, die einander sonst ewig fremd sind, sich im Hasse vereinen; wie der Rationalist so rüstig dem bigotten Eisenmenger ausschreibt; wie der blindeste Fanatiker gegen die Lehren und Gebräuche eines fremden Glaubens die Waffen der rationalen Kritik mit einer Schärfe sü^t , daß man einen Bayle oder Voltaire im verjüngten Maßstabe zu hören glaubt. Daß das Judenthum gegen solche gehässige Angriffe nicht genug Vertheidiger gefunden, ist leicht erklärbar. In die entschiedenste Abgeschlossenheit versunken und von jeher ohne allen Anspruch auf Proselytenmacherei, hatte das religiöse Leben der Juden in früheren Zeiten, besonders in den letzten Jahrhunderten der Erschlaffung, die der zweiten Hälfte des vorigen vorangehen, kein Auge für Alles, was rings umher vovging, kein Bedürfniß und keine Fähigkeit sich nach außen zu vertreten. Die Ersten aber, die aus dieser Abgeschlossenheit hervortraten, gaben, voll Freude über die gewonnene Freiheit, das System, von dem ste stch losgesagt, gern dem Spotte Preis. Unsere Zeit aber duldet keine Abgeschlossenheit; sie will, daß keine Erscheinung stch dem Lichte des Tages entziehe, daß jede besondere Richtung sich vor dem Richterstuhte des Gesammt - Bewußtseins der Menschheit rechtfertige, und diejenige, die sich dieser Prüfung entziehen wollte, hätte sich das Todesurtheil gesprochen. Von der anderen Seite hat die jüngere Generation unter uns keinerlei Ursache, dem alten Systeme, dessen Herrschaft sie sich nicht erst in mühsamem Kampfe entwunden, das der freien Entwickelung ihrer Bildung keine Schwierigkeit in den Weg gelegt, zu grollen; ste vermag es ohne Haß, wie ohne blinde Verehrung, wenn auch nicht ohne Liebe, zu beurtheilen. Wir, die wir dem Grundsätze des Fortschreitens und der freiesten Forschung huldigen, wir haben uns die Aufgabe zu setzen, die Befugniß dazu aus dem Grundwesen unserer Religion abzulekten, und nachzuweisen, wie das Haften an dem starren Buchstaben des Gesetzes von den ewigen unvergänglichen WahMten unserer Lehre zu trennen ist. Daß der imtfrtT lebendige Gehalt dieser Lehre durch die eigne gütliche Kraft die Form zerbreche, die ihn seit Jahrtausenden gesangen gehalten, muß das Ziel unseres Strebens sein, und darum ist es wesentlicher, daß das Bewußtsein jenes Inhalts belebt und gestärkt, daß der Funke der Begeisterung für göttliche Wahrheit in den Gemüthem angefacht, als daß einzelne mangelhafte Formen von außen bekämpft und zerstört werden. Wenn einst die gereifte Frucht die Schale sprengen soll, so muß eine sorgsame Pflege durch günstige Einflüsse aller Art die Frucht zu stärken und zu zeitigen bemüht sein, nicht aber von außen gewaltsam auf die Schale zuschlagen, daß die Frucht zerdrückt wird. Demnächst müssen