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Der Jude · 1832-04-10 · Heft 1 (10.4.1832) · p. Seite 3

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1832-1833)
Issue
Heft 1 (10.4.1832)
Date
1832-04-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Würdigung bis jetzt ermangelt, und daß unsere Zeit geeigneter ist, als eine frühere, sie ihm angedeihen zu lassen, und es gegen manche ungerechte Angriffe und einseitige Schmähungen in Schutz zu nehmen. Uw die Quelle der letzteren, in so fern sie nicht das Werk des Fanatismus der Bekenner eines anderen Glaubens sind, genauer zu bezeichnen, möge Folgendes dienen. Es ist die Bestimmung der Menschheit, in stetem Fortschritt, mit inniger Liebe der Vergangenheit, mit unerschütterlicher Hoffnung der Zukunft zugewandt, ihrer Vollendung entgegen zu gehen. Aber dieser einfache Gang der Entwickelung ist durch mannigfache Schuld und Verwirrung gestört worden. Statt der freien Liebe hat die Menschheit lange Zeit den Ueberlieferungen der Vergangenheit eine knechtische Dienstbarkeit erwiesen; sie hat im Glauben, wie im Wissen und im Recht, ihre schweren Fesseln getragen; sie hat die Last der Geschichte, von welcher sie in freier Anschauung lernen sollte, sich über sie zu heben, wie jener den Göttern verhaßte Riese der Fabel die Last einer Welt, auf ihre Schultern genommen, daß sie nicht frei mehr athmen konnte unter der schweren Bürde; daß sie gealtert schien und keuchend und gebückt einherging unter dem erdrückenden Gewicht der Jahrhunderte. Da erwachte sie zu einem neuen Gefühle jugendlicher Kraft, und walzte mit riesenhafter Anstrengung die Bürde von sich, daß sie wieder mit entfesseltem Schritt einer besseren Zukunft entgegen gehen könne. Aber das einmal verrückte Verhaltniß konnte nicht sofort wieder in das rechte Geleise gebracht werden- Der Widerstand, den die Herrschaft des Alten leistete, war zu mächtig, als daß nicht der Angriff alle Gewalt hatte ausbieten und mit stürmender Heftigkeit zu Werke gehen müssen. Daher trägt der Kampf gegen die herrschenden Systeme im Glauben, wie in der Politik, den die letzte Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit der Schärfe der Kritik und des Spottes, wie mit der Schärfe des Schwerdtes führen sah, den Charakter ungerechter Geringschätzung gegen das Leben der Vorzeit, das unberufen noch die Gegenwart beherrschen wollte, die sich mit Haß und Verachtung für die Schmach der langen Dienstbarkeit rächte. Daher die Einseitigkeit, die das Leben jeder früheren Zeit nach, dem Maßstabe des eignen maß, die bei der Würdigung aller Thaten und Bestrebungen der Vorzeit die eignen Bedürfnisse und den Standpunkt der eignen Bildung zu Grunde legte; die es übersah, daß das, was jetzt eine drückende Bürde schien, einst das Werk freier Wahl oder das Opfer freier Liebe, daß Formen, die jetzt leer und todt geworden, einst der Ausdruck eines lebensvollen Inhalts gewesen. Es ist zur Genüge bekannt, wie diese Einseitigkeit, insbesondere in Deutschland, eine nicht minder einseitige Reaktion herbeigeführt; wie in den letzten Jahrzehenden sich die Mehrzahl der Kräfte wieder der Erkenntniß und Würdigung der Vergangenheit zugewandt, und in ihr allein die rechte Begründung der Gegenwart und der Zukunft gesucht; wie Viele, dem Fortschreiten entsagend, der Geschichte wieder dienstbar wurden und aus Verzweiflung über die zerstörenden Kräfte, welche die Zeit offenbart hatte, die schaffende Kraft der Menschheit verlaugnen wollten. Erst der neueste Anstoß, den Europa erhalten, die neuesten Bewegungen, weniger berufen, alte Fesseln zu zerbrechen, als sich der gewonnenen Freiheit zu. neuen Schöpfungen zu bedienen, scheint geeignet, hier das Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Kraft der freien Selbstbestimmung, das Vermögen, unabhängig von dem Vorhandenen, aus der Fülle des eignen Bewußtseins zu erkennen, was das Höchste und Beste, es festzuhalten im Gemüthe und nach seiner Verwirklichung im Leben zu ringen, ist die edelste Kraft des Einzelnen wie der Menschheit. Und die Menschheit hat diese Kraft nicht etwa in ihrer Jugend verbraucht, daß sie nun im entkräfteten Greises - Alter an den Ueberresten ihrer Jugendwerke, an den Erinnerungen ihres Jugendlebens zehren müßte; denn sie ist ewig jung, wie die Natur; sie altert nicht und ihre Kraft sinkt nicht. So wie der späteste Frühling der alten Erde nicht minder frische Keime und Blüthen treiben wird, als der erste im Paradiese, so bleibt dem Genius der Menschheit die schaffende Lebenskraft unversehrt, und sie braucht die Erfahrung und die Weisheit, die sie in ihrem Lause gewinnt, nicht, wie der einzelne Mensch, mit der Einbuße ihrer Jugend zu bezahlen. Die Vorsehung hat die späteren Geschlechter in keiner Rücksicht, wie ein ungerechtes Gesetz die nachgebornen Söhne, zurückgesetzt, daß sie von der Gnade der vergangenen Zeiten leben müßten; sie hat 1*

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