Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 4 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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und hebräische Unterrichts-, und' wenn möglich, auch anerkannte Verkehrssprache für Juden» die der deutschen Sprache nicht mach, tip sind, bei den Behörden. Diese zionistischen Forderungen bilden einen sehr wichtigen Teil des zionistischen Programms, neben den Wiederausbaubestrebungen. Bestrebungen, von denen sie mit vollem Rechte und anerkennenswertem Takte bei den Empfängen nicht gesprochen haben, also auch keine diesbezügliche Antwort von den Empfangenden erwarten konnten. Das aber ist der Kernpunkt der Empfänge, über den wir noch einige Worte im Hinblick auf die bevorstehenden Landesverbandswahlen sagen müssen. M. Es ist selbstverständlich."-^ die Zionisten nunmehr unter Hinweis auf ihre Erfolge bei den Behörden und den nichtzionistischen Bereinigungen eine großzügige Propaganda entfalten werden. Sie wären schleuste Taktiker, wenn sie die Gelegenheit nicht ausnützen, die vielleicht gerade jetzt, zur Beeinflussung der Landesverbandswahlen. von ihnen herbeigeführt würde. Sie werden natürlich diese Absicht weit von sich weisen. Der Unbefangene . aber fragt: Weshalb ist gerade jetzt ein Empfang Weizmanns notwendig gewesen, da doch schon vor etwa zwei Jahren W. ' tu Berlin gewesen und damals sogar von dem Berliner Gemeindrvorstande, der Großloge und von bekannten Finanzgrößen ihm zu Ehren Empfänge veranstaltet wurden. Damals so wie heute erklärten die Nichtzionisten ihre Sympathie für den Wiederaufbau Palästinas, immerhin mit der Einschränkung, daß die religiöse, geistige und materielle deutsche Iudennot da bei nicht vergessen wird. Wozu also die Wiederholung gerade in diesen Tagen? — Noch eigenartiger ist aber der naclMsuchte und bewilligte Empfang bei dem Reichspräsidenten und den Reichsbehörden in einem so kritischen Augenblicke, wo die gesamte Reichsregierung in einem Schwebezustände ist und — was den Veranstaltern nicht unbekannt sein dürste — der sogenannte Bürgerblock, der im Grunde genommen doch nur ein Rechtsblock ist. vor der Türe -wartet, um die Reichsregierung zu übernehmen? Fürchten die R Zn der heutigen Nummer ß beginnen wir mit dem Abdruck eines Feuilletons: Lin vttpUchies Leben? Seltne« ans demTarehuchelneMffcheickSWsnr von Artur Schweriner .aannBaaKsaaaEBassEsssasssaaasssBsssaB | Der Verfasser veröffentlicht zwar aus seinem 8 schweren, jahrzehntelangen Kämpft für unsere D Gleichberechtigung nur heitere Stimmungsbilder. I In dem grotesk wirkenden Gegensatz der Humorj vollen Situationen zu dem ernsten politischen, z wirtschaftlichen und sozialen Hintergründe dieser Z lebenswahren SMenzeigtsichderguteMenschen- W kenner in seinem echt jüdischen Empfinden. Oie 1 Tendenz der lose aneinander gereihten Tagebuch- | blätter geht deutlich aus dem kürzen Vorwort H hervor, mit dem derVerfaffer feine Erinnerungen 1 einleitet. Unsere Leser werden heiter gestimmt 1 werden und — Nachdenken! 8! I | | I ] 1 3 i Veranstalter, daß eine Re'chtsregierung den Einpfang ablehnen oder ihren Mitteilungen nicht das notwendige Interesse entgegenbringen, jo ihren Bestrebungen sogar feindlich entgegentreten werde? — Und eine letzte Frage: Venn schon das Auswärtige Amt. nicht der Außenminister Strefemann, der Kabinettstürzer, Herrn Dr. M. empfing, so tat es dies, weil es feine Pflicht war, sich über die Lage in dem „asiatischen Balkan", wie Palästina im Hinblick.auf seine politischen Wirren, kürzlich von einem Diplomaten genannt wurde, genauer zu orientieren. Was hat aber der Reichspräsident mit dem Wiederaufbau Palästinas au welchem nicht nur die deutschen Juden, sondern die Juden der ganzen Welt nach dem Wunsche der Zionisten Mitarbeiten sollen, zu tun? — Es bleibt also zur Erklärung dieser Empfänge nur die Vermutung, um nicht zu sagen Gewißheit, übrig, die Zionisten suchten in erster Reihe ein vortreffliches Propagandamittel für die Füllung ihrer Reihen, dann aber auch eine Beeinflussung der Wahlen zum Landesverband in ihrem Sinne. Denn nun können sie mit einem gewissen Rechte zu den Schwankenden und Zaghaften im anderen Lager sagen: Sind wir wirklich so bar aller Vaterlandsliebe, alles Deutschtums? Sind wir tatsächlich nur Nationalisten, Vertreter einer nationalen Minderheit, wenn uns der Reichspräsident, die Reichsbehörden. die Großloge und andere nichtzioniftische Vereinigungen einen so glänzenden Empfang bereiten? Sie verschwelgen aber, daß alle diese Empfänge nur eine Zustimmung zu dem Wiederaufbau Palästinas, den sie erstreben, ausdrücken. nicht aber zu ihrem nationalen Programm» von dein nicht ein einziges Wort bei ihren Empfängen gesprochen wurde. Wenn die Zionisten nunmehr also weiter deduzieren: Ihr könnt also mit gutem Gewissen unsere Kandidaten für den Landesverband wählen, dann lautet die Antwort: Nicht nur um den Wiederaufbau Palästinas geht es bei den Wahlen zum Preußischen Landesverband, sondern es geht um die Erhaltung unserer Religionsgemeinden, die ihr zu politischen Dolksgemeinden umwandeln wollt. Es geht um die Erhaltung unserer deutschen Kultur, die ihr zwar nicht gänzlich ablehnt, weil, sie für eure materielle Existenz als Beamte in freien akademischen Berufen und als Kaufleute, Handwerker und sonstige.Gewerbetreibende dringend nötig ist, die aber bildlich erst in zweiter Reihe nach der von euch sogenannten hebräisck>en Kultur steht. Es geht um unser Deutschtum, das wir uns < nicht neben unferm Judentum rauben lassen, wollen, während ihr euch zu den nationalen Minderheiten zählt, die besondere Rechte und Pflichten im Deutschen Reiche fordern. Es geht um unsere Jugend, die wir als deutsche Juden in deutschen Schulen erziehen wollen, während ihr sie in hebräischen Schulen zu Pionieren einer engstirnigen» der weltbürgerlichen Weltanschauung, die gerade unsere Propheten verkündet haben,, entgegengesetzten Zukunft erziehen wollt! — Das mögen die Wähler für den Preußischen Landesverband nicht vergessen? — ... . . Lleberfrem-irrrg. Bon Spektator. ' Gin süddeutscher Rabbiner übersendet un« folgend« beachtenswert Ausführungen. Die Red. In Norddeutschland rüstet man sich gegenwärtig zum Kamps, für die preußischen Landesverbandswahren. Hie PrttteiettüMr-" schirren auf. Dir Programme werden verkündet. Die religiösen oder religiös-politischen Ueberzeugungen weiden ausgesprochen. Die Einheit der Gemeinde soll gewahrt werden. Abspaltungen würden die Geschlossenheit und die schöpferische Kraft der Gemeinschaft erschüttern. Aus mitteldeutschen Gemeinden iß schon der Ruf gekommen, daß die Zertriimmerung gut liberaler Aeberlieferungen und Schöpfungen in allernächste Nähe gerückt ist. Wir würden es beklagen, wenn die viel berufene liberale Indolenz daran schuld' wäre, d!e gleichgültig gegen dl« religiöse Entwickelung und nachgiebig gegen die Forderungen der schwächeren Gruppen dahilrschrettet. Solange es galt, der Gegenseite zu geben, was sie auf dem Gebiete des religiös-kulturellen Lebens beanspruchen durfte, konnte das geschehen in friedlicher Arbeit und in Respektierung der gegenseitigen religiösen Ueberzeugung, in der Wahruung der Einheit der Gemeinde, die den besonnenen Elementen immer als das wichtigste Ziel vorschwebte. Von dieser geraden Linie ober kann uns der Kampf abdrängen, der immer um die H e t r f dj a j t geht und um religiös-politische Ziele. Suggestionen umhort aus die Massen. Schlagworte drängen zum Mitghen. Unschwer ist es. die Jugend zu radikalisieren und sie zur Gehässigkeit gegen diejenigen aufzupeitschen. die anderer Weltanschauung huldigen. Die religiösen Parteigruppen in Deutschland sind durchweg von Männern gegründet worden, die an systematische Bildung, wissenschaftliche Schulung und kulturelle Haltung angekniipst haben. Diese Bahn wird vielfach von unfern Gegnern in der Gegenwart verlassen. Die fremden Elemente, die ihnen zugeströmt sind, beginnen sie stiminengemüß zu beeinflussen. Zugeständnisse wer-' den gemacht, die völlig unbegreiflich sind. Unbedingter Gehorsam und Gefolgschaft gegen die Oberen, gegen die Autoritäten ist die Parolc, die Verketzerung des Andersgesinnten au der Tagesordnung. Es handelt sich aber nicht »m die Hebung der, Gerechtigkeit und der Menschlichkeit gegen die in die Grasigemeinden eingeströmten Juden uns anderen deutschen oder nicht' deutschen Kullursphären sondern nur die Frage der Aufrechierhaitung unseres religiös-kulturellen i?truniur<I> ,.>t' liw. Das gebt nickst nur die liberalen Kreise an. sondern auch die übrigen religiösen Gruppen, wie immer sie sich zusammensetzen mögen. Wenn auseinanderstrebende Kreise ein Bündnis eingehen, so liegt darin! mehr die Befolgung eines Stützlichkeitsprinzips als ein aufrichtig-inneres Bedürfnis. Eine Mitwirkung an dem Ausbau und Wiederaufbau unserer Gemeinden können wir nur denen zugestehen, die sich r>u uns finden und sich als innerlich zu uns gehörig empfinden. Eine Ueberfremdung deutsch-jüdischen Gemeinschaftslebens durch anders gerichtete Einflüsse, mögen sie noch so sehr durch Schule. Presse und Vereine propagiert werden, lehnen mir ab, und wir wissen uns in dieser Willensrichtung einig mit unfern jüdischen Mitbürgern bis weit in die rechtsgerichteten Kreise hinein. Es ist dringend notwendig, daß in allen Walstkümpsen in Nord und Süd unsere liberalen Kreise den Sinn der Entscheidungen erkennen pnd uns ihre Mitarbeit nicht versagen. Die anderen sind rührig und regsam. Und wir? Wir können nicht kampflos das Erbe der Väter deil anderen überlassen. Es geht ernstlich um die Erhaltung des liberalen Judentums, um die Abwehr von Strömungen, die, aus anderen Kulturen kommend, nicht nachdrücklich genug zurückgewiesen werden können. Kalendarium für die Jett vom 24.1. bv 3L1.1925 Januar 1925 Lebet 5655 Sonnabend Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Sonnabend 24. j 28. Dochen-Abschniil Makro; Reumvndwethe (2. Ä. m Kapitel 6,2—9,35)! Hafiarah: Szechiöl Kap.28,25-29,1—21 Sabbat-Ausgang: 5,22 29. Jom Kippur Loten 25. I - .a 26. 27. 28. 29. 30. 31. v-'v^ Wochen-Abschnitt:' Lau (2. S. M. Kapitel 10-13,16) Hastarah: Zeremia Kap. 46,13-4627 einige Schwierigkeiten macht, zu dem ..geistreichen" Ausspruch auf: Wenn man von a Juden Geld haben will, ist er immer schwerhörig". Derartige allzu realistische Geschmacklosigkeiten taten dem an und für sich sauber gearbeiteten Film schon beim indischen Kinobesucher starken Mbruch: wie sie in mittleren und kleineren Städten bei einer nichtjüdischen Bevölkerung wirken müssen, wollen wir hier gar nicht erst untersuchen. Auch die Verfilmung von Gustav Freytags Kaufmannsroman „Soll und Haben" ist mitunter reichlich geschmacklos. Die jüdischen Typen wirken direkt ekelhaft, und daß ein Hofbankicr, in den 80er Jahren in Deutschland, jiddisch-polnischen Jargon mauschelt, bedeutet eine Lächerlichkeit» die den unangenehmen Eindruck bei einem sachlichen Beschauer noch vertiefen muß. Dies um so mehr, als der Regisseur ein Jude ist. Die vierte und letzte Kategorie, nämlich Dramen oder Lustspleie mit einigen wenigen jüdischen Typen dürsten wohl numerisch die zahlreichsten sein: sie sind so lange durchaus unbedenklich, wie die jüdischen Rollen anständig gezeichnet sind oder nicht allzusehr in den Vordergrund treten. (Beispiel: die Figur des Gauners Fagin in Dickens „Oliver Twist".) — Wenn es jedoch eine geschickte Regie versteht jüdische Typen in einem sympathisch wirkenden Gegensatz zu ihren andersgläubigen Zeitgenossen zu stellen, dann kamr die Arbeit ausrichtig begrüßt werden. Als bester Filmstreifen dieser Art mag das „Alte Gesetz" angesehen werden, das die Lebensgeschichte von Josef Kainz in wirklich reizenden Bildern auf der Leinwand sesthült. Gegen derartige spannende, künstlerische und jeder bewußten oder unbewußten Tendenz baren Filme haben rvir selbstverständlich nicht die geringsten Bedenke:,. — Wir müssen am-Ende unserer Ausführung die jüdischen Stofse auf der Sprechbühne — vergleichsweise — wenigstens erwähnen. Dramen wie Reichenbachs „Ketten", Nathansens „Hinter Mauern". Zweigs „Sendung Semaels". die Lustspiele wie Rößlers „Fünf Frankfurter" oder Lehars Operette „Die Rastelbinder" verwendeten mit viel Geschick jüdische Probleme oder machten jüdische Typen zu Hauptrollen, ohne baß hier unbeabsichtigt antijüdische Wirkungen zum Borschein kamen. Wer die ganz anders geartete Technik der Sprechbühne und dw vergröbernden Wirkungen des stummen Filmbildes aus der Praxis kennt, wird die Gründe nicht lange zu suchen brauchen, dtuch die mitunter ebenso geschmacklosen wie zotigen sogekannten Dudapester, Possen stiften weit geringeren Schaden, als ihn ein Film ähnlicher Einstellung anrichten wurde. Derartige Bühnen sind an einige wenige Großstädte mit starker jüdischer Bevölkerung gebunden und werden günstigen Falles pro Tag von 200 bis 300 auf solche „Kunst" speziell eingestellten Personen besucht. Das Verbreitungsgebiet des Filmes ist aber ein hundertfach größeres, und jüdische Problemsilme laufen Gefahr, von einem zahlreichen Publikum besichtigt zu werden, das den tieferen Kern der Sache nicht erfassen kann oder besser gesagt, — auch nicht erfassen will. — Donn wie sagt der Lateiner: alieua vitia in oculis habemus, a tergo nostra sunt. — Fremde Fehler haben wir im Äuge» die eignen tm Rücken. — Neuinszenierung von Lessings „Nathan" im Staatstheater zu Berlin fts. Januar 192S). Keine Nation litt zu irgendeiner Zeit und leidet gegenwärtig wie die deutsche an dem Gift der gegenseitigen bösartigen Verhetzung, des Sich-Nicht-Vevstehen-Wollens und Könnens der politischen Gegner und überhaupt Andersmeinender. Das deutsche Volk, das mit Bezug aus Begabung und die Oualilät seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Leistungen an der Spitze aller Völker marschiert, hat von jeher und seit dem unglücklichen Kriege besonders das Bleigewicht seiner mangelnden seelischen und soziologischen Homogenität an den Füßen. Wie recht hat leider Gottes der klassische Dichter, der den Deutschen vorwirft: „Politisch ewig stümperhaft, * , Versteht ihr eins allein, - ■ v . Dies allerdings mit Meisterschaft: Euch gegenseitig bespei'n!" Es war deshalb ein guter Gedanke unseres Staalslhealers, das in Tradition und Kultur immer noch eine führende Stellung einnimml, just heutzutage Lessings „R a t h a n", dies Hohelied der Toleranz und gegenseitigen Duldung, neu einstudiert in Szene zu setzen. Seltsam war es, wie unheimlich aktuell die Tendenz des hunderlfünszig Zahre alten Versdramas heute wieder wirkte! Wenn jedoch Lessing am Schlüsse seines Gedichtes, an dem die drei Religionen sich versöhnend, voll gegenseitigen Verständnisses und voll wechselseitiger Hochachtung die Hände reichen, die Aegiebemerkung macht: „Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang," — dann kann man sich eines -schwermütigen Lächelns nicht erwehren! — Ach! Die europäischen Völker und Religionen benehmen sich schon längere Zeit ein wenig anders: die Ermahnungen, die Lessing in seinen? schwachen Fugendwerk „Die Juden" ausgesprochen,' und die wundervollen Ideen, die er in seinem letzten, geistvollen, kulturphilosophischen Essay „Ueber die Erziehung des Menschengeschlechts" entwickelt l-at, sind leider bis auf den heutigen Tag fromme Atopie geblieben! Unsere Parteien vor allem haben vom Lessingschen Geist noch keinen Hauch verspürt! — Gedanke und Dichtung dieses klaren Kopfes sinwahrlich noch nicht veraltet: — die Anmut und innere Wärme der jedes Pathos verschmähenden Lessingschen Sprache besticht heute noch so wie im 18. Jahrhundert! Das Denkmal, das Lessing im „Rathcm" seinem Freunde Moses Mendelssohn setzte, hat noch nichts von feinem Glanz verloren! Mit einer gewissen enttäuschten Sehnsucht denkt man an die großen Menschheitsideale, die der Dichter — mit allerhand reizvollen, altfränkischen Anachronismen verbrämt — im „Nathan" ausstellt, und konstatiert seufzend, daß wir heule vielleicht wetter von ihnen entfernt sind, als im achtzehnten Jahrhundert, zur Zeit der „Aufklärung", in der ein frischer, pulsierender Geist alles öffentliche Leben durchströmte, und nicht wie heute dumpfe Verzweiflung eines mannigfach enttäuschten und hinterganaenen Volkes jedwede Lebenslust lähmte. Me Gemeinheit der lieben Mitmenschen l-at Wohl auch in jener Zelt ihre Triumphe gefeiert: sie war damals wohl aber harmloser und vst von entwaffnender Naivität. Als das antvsej mitifche Wochenblatt „Diarium" 1779 Lessing den Vorwurf machte,! daß er den „Nathan" auf Veranlassung der Amsterdamer Iudr-n-! schast gegen eine Bestechungssumme von tausend Golddukaten geschrieben habe, lächelte man — mit wenigen Ausnahmen •—■ dock über diese komische Verleumdung, ohne das „aliquid häeret“ zu zitieren. Es war im Vergleich zu unserer eben eine idyllische Zett! Wundervoll war die Aufführung der Staatsbühne! Die neuere Entwicklung der Regiekunst ist natürlich nicht spurlos an diesem vornehmen Institut in dem herrlichen Schinkelbau vorübergeFangen. Das Staatstheater ist gottlob nicht in den mehr äußerlichen For-1 men der wilhelminischen Aera erstarrt: es hat sich gleichwohil dewurrdernswert viel von seinen großen Traditionen bewahrt. Auf keiner deutschen Bühne können wir die kristallklaren, funssüßigen Jamben Lessings schöner und reiner gesprochen hören, als hier. Den alten Arthur Krausneck zu hören, ist noch immer ein hoher Genuß! Ein ganzes Stück deutscher Theatergeschichte ist mit diesem männlich-kernigen Künstler verbunden: allein sein Können hat noch nichts von seiner ursprünglichen Frische und > Kraft eingebüßt. Die Mortmusik der schönen Parabel von den drei Ringen brachte er mit einer derartigen inneren Wärme und Beseeltheit zu Gehör, daß Applaus bei offener Szene einsetzte. Wie verstand es dieser große Schauspieler, Würde mit 5) erzen s g ü t e zu vereinen! Seine Nathan-Darstellung stand um nichts hinter der berühmteren eines Sonnenihal oöer eines Max Pohl zurück! — Auch Toni Zimmerer, im Aeußeren imponierend, war als Sultan Saladin ein ganz ausgezeichneter Sprecher ohne jedes störende Pathos. Otto Laubingers Tempelherr hatte noch etwas Opernhaftes an sich, am Schluß jedoch wuchs er. ,Max Schreck als Derwisch brachte die „orientalische Dewegllchkeik" gut zum Ausdruck, war jedoch für mein Gefühl etwas zu quecksilbrig und unstät. Dagegen war der Klosterbruder des Herrn Eichholz von rührender Treuherzigkeit und gewinnender Schlichtheit. Unvergeßlich vor allem Albert Patry als Patriarch! In Blick und Haltung das Lauernd-Heuchlerische des Zeloten und dabei doch von überlegenem Humor! Auch dieser Künstler erinnert an gewisse Weinjahrgünge, die älter, immer reifer und köstlicher werden! — Die Damen Sussin und Margarete Schön paßten vorzüglich in dies ganze Ensemble von „Prominenten" und sahen nicht nur reizend aus: auch sie wurden von Szene zu Szene vom Rhythmus der Verse mit sortgerissen. und boten abgerundete Leistungen. Paula Eonrad, wie immer vorzüglich, betonte als Doja das Leis-Humoristische der Rolle etwas zu stark. — Die Regie Dr. Reinhard Brucks sprühte von Liben, und die Bühnenbilder Pirchaus hatten etwas Malerisch-Musikallsches. Herrlich die Anhöhe vor Jerusalem mit den hohen, flankierenden Palmenstämme::, die sich in scharfer Silhouette vom azurnen Himmel abhoben, und der im Tale ruhenden Märchenstadt mit den vielen von der scheidenden Sonne vergoldeten Kuppeln. — Alles in allem eine Aufführung, an die man noch jahrelang mit einer gewissen innigen Versunkenheit zurückdenken wird. . . Dr. Ludwig Dovidsohn, Berlin. 0002000102000002010101000000020202011011010001010053480102020102890000235323530002484848530000000223