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KC-Blätter · 1929-11-01 · Heft 4 (November 1929) · p. Seite 78

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 4 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 78 (sequence 18)
Language
German
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78 Zuden und Araber in Palästina. Eine neue Schrift von Alfred Wiener. Wieder einmal steht die Palästinafrage im Brcnnpuntt des öffentlichen Interesses. Mit der gesamten K'ulturipclt verfolgen auch wir die Entwicklung der palästinensischen Ereignisse mit lebhaftem Interesse. Zu verständnisvoller Würdigung dieser schwierigen Probleme können wir jedoch nur bei einiger Kenntnis der sozialen und ökonomischen Verhältnisse gelangen, die uns in erster Linie „Alfred Wieners kritische Reise durch Palästina" vermittelt. Dieses ausgezeichnete Buch'), das nicht nur in der großen Presse, sondern vor allem auch in der orientalistischcn Fachpresse Anerkennung und Beifall gefunden hat, bleibt grundlegend für die Palästinaerkenntnis. Die „Orient. Liieraiur-Ztg." lAr. 11. v.^ 1928) bemerkt treffend, die meisten Publikationen über Palästina seien, infolge ihrer tendenziösen Einstellung, ebenso wenig wie die großzügige, das Ungünstige verschweigende Propaganda geeignet, ein richtiges Bild zu ergeben. Wieners Buch dagegen sei „von dem sichtlichen Streben geleitet, ein möglichst sachliches und objektives Bild vom Lande und der jüdischen Bevölkerung zu geben". Das stets besonders gut über Baläninasragen informierte „Aachrichtenblatt des Deutschen Vereins der Förderer vom heiligen Lande" meint, von allen Palästinaschriften verdiene Wieners Buch besondere Aufmerksamkeit. „Es steht weit über den gewöhnlichen, meist einseitigen Durchschnittsschriften dieser Art. In der ganzen einschlägigen Literatur ist es mit das beste, das die so komplizierten palästinischen Verhältnisse objektiv zu würdigen sucht. Wer über Palästina und die jüdischen Bestrebungen selbst richtig und rasch unterrichtet sein will, greife getrost nach dem Buche: es enthält die Wahrheit und betrachtet Palästina mit den ruhigen Augen der Wirklichkeit und nicht nur im rosigen Lichte." Besondere Beachtung verdient Wieners neueste Schrift, die dem schwierigsten Teilproblem dieses ganzen Fragenkomplexes, dem Verhältnis zwischen Inden und Arabern gewidmet ist. Soeben erschien im Philo-Verlag-> (Berlin SWtxK) eine Schrift Dr. Alfred Wieners „Juden und Araber in Palästina, zur Erkenntnis der jüitgsten Vorgänge". Die Schrift, die 58 Seiten Text umfaßt, enthält ein Bild der Klagemauer sowie eine bisher in Europa nicht veröfscullichte Skizze der Au,bauten im Klagemauerbereiche, die bekanntlich die jüdischen Kreise >n Palästina sehr erregt hatten. Abseits von jeder Tagespolemik müht sich der Verfasser durch eine umfangreiche Bearbeitung der arabischen und hebraischen Presse Palästinas, durch ein herauzieden der ernschlägigen Literatur in allen europäischen Sprachen, durch ein Studium der englischen amtlichen Peröiientlichttttgen. die notwendigen Grundlagen zu geben, ohne deren Kenntnis ein sachverständiges Urteil über die verwickelten Verhültniise in Palästina dem. der «ich nicht eingehend mit den Fragen beschäftigt dat. unmöglich ist. Der Verfasser stellt zuerst die Perhält,risse an der Klagemauer klar. Er weist die überrage,,de Bedeutung des Jerusalemer Tempelplanes in der mohammedanischen Religion nach und unter,u'cht d,e Rechts- und Besitztitel der Modammedaner wie der Juden an der Klagemauer. Es ergibt sich, daß die Mohammedaner zweifellos die Ritzer de» Klagemanerstreisen» der Weslmauer des '» Erschienen ,m PdUo-Verlag. Berlin SW tdß Vindenstraße 18. ) Erstmalig abgedruckt in der Zwetmonatsfchrift ..Der Morgen" V. Iadrg.. Dezember-Heft!1)2v. Tempclplatzcs sind, daß aber die Juden seit Jahrhunderten ein Gewohnheitsrecht, gottesdienstliche Hebungen abzuhalten, an der Klagemauer haben. Wiener stellt dann weiter die Fanatiker auf beiden Seiten dar. Auf jüdischer Seite sind es gewisse Kreise, die sich um die revisionistisch« Tageszeitung „Doah hajom" gruppieren und die im wesentlichen der politischen Partei der Revisionisten unter Führung Wladimir Iabotinskys sich zuzählen. Die Revisionisten arbeiten — die nötigen programmatischen Unterlagen wcrt-en beigebracht — auf ein jüdisches Staatswesen hin, wollen zwar auch mit den Arabern, soweit möglich, in Frieden leben, schen aber das heil in der Aufstellung einer jüdischen Legion oder eines jüdischen bewaffneten Selbstschutzes, ohne dessen Vorhandensein sie sich keinerlei Möglichkeit für einen Ausbau der jüdisch-nationalen Heimstätte zu einem jüdischen Staatswescn versprechen. Wiener bringt eine Anzahl interessanter, bisher wenig bekannter Preffestimmen, die die Haltung der Revisionisten klar erkennen lassen. Ebenso werden aufreizende Artikel gewisser arabischer Zeitungen dargestellt, die die notwendige Rücksicht auf die kritische Lage vermissen lassen und notwendigerweise in den Köpfen einfacher Aatnren unbegrenzten haß gegen die Juden Hervorrufen müssen. Im Gegensatz zu den Revisionisten steht der Brith Schalom, der eine Versöhnung mit den Arabern erstrebt, ein binationales Palästina herbeiführen will und deshalb von den Revisionisten scharf bekämpft wird?) Diesen Ausführungen folgen umfangreiche Untersuchungen über Entstehung und Anwendung der Balfour-Deklaration, über das Doppelspiel der englischen Politik während des Krieges gegenüber der arabischen natiotionalen Bewegung, über die Methoden der arabischen Propaganda. Besonders bemerkenswert sind die Darlegungen der Wirkung der jüngsten Unruhen in Palästina auf das arabische Ausland. In Indien wie in Syrien, in Amerika wie in Aegypten sind unter den Arabern, die dort wohnen. Kundgebungen und Sammlungen für die arabischen Brüder in Palästina vorgenommen worden. Aeberall in der arabischen Welt hat sich so etwas wie eine pan» arabisckx Front gegen den Zionismus gebildet. Daß in manchen Ländern die Maßnahmen arabischer Kreise sich nicht nur gegen die Zionisten, sondern die Juden überhaupt richten, ist beachtlich. Zum Schlüsse weist der Verfasser darauf bin. wie gefährlich es sei, die arabische Bewegung unserer Tage in ihrer Bedeutung für den Orient und den )slam zu unterschätzen. Er zieht Arbeiten des Petersburger Orientalisten Kraschkovsky heran, die der Bedeutung der neuen arabischen geistigen Bewegung gerecht werden. Die ruhige und sachlich« Betrachtung Wieners spricht für d,e Objektivität seiner Darstellungen. Es handelt sich bei dieser Arbeit um keinerlei Kampf, schri't. sondern um eine wissenschastliche Untersuchung der bestehenden Verhältnisse, die um so wertvoller ist. als eine solche Zusammenstellung mit dieser Material» fülle bisher von keiner Seite gegeben wurde. Mancher Leser wird vielleicht in Wieners Buch die krrnschen Folgerungen über Gegenwart und Zukunft des Zionismus und keines ..nationalen" Aufbauwerks vermissen, die aus den von ihm in erdrückender Fülle mitgeteilten Tatsachen gezogen werden müisen. Wiener dat es für zweckmäßiger gehalten, an vielen Stellen seiner Arbeit die Tatsachen für sich ) Der dem Brith Schalom angehörend« Rektor der Jerusalemer Universität hat sich kürzlich gegen einen ..nationalen" Aufbau Palästina- und für «me entsprechend« Abänderung der Balfour-Deklaration ausgesprochen.

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