KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 4 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Reaktion oder Revolution. Die Staatsfeindschast der studentischen Jugend. Von Dr. Hermann Berlak (Spr., Fr.-Ghib.) Die Staatsscindschaft der Mehrheit der heutigen Studentenschaft ist nicht nur zum Schlagwort, sie ist schon säst sprichwörtlich geworden. Ist dieses Wort aber wirklich geeignet, eine Erklärung für das zu geben, was Staat und Studentenschaft heute beschäftigt? Kann völkische Verhetzung, können die Vorfälle auf den deutschen Hochschulen hiermit aufgeklärt werden? Die Stellung des Studenten zum Staat ist nicht nur in der Gegenwart problematisch. Es liegt dies nicht an den politischen Erscheinungsformen, nicht an dem Wandel der Staatsgestaltung und der politischen Einstellung der studentischen Jugend, sondern es hat sicherlich zum erheblichen Teil viel tiefer liegende, im Wesen von Student und Staat begründete Ilrsachen. hier der Student, die Jugend stürmend und drängend, eine neue Generation nach Ausdruck und Form suchenddort der Staat, ein festes Gebilde, ein geordnetes Gemeindewescn, an die Schranken des Gesetzes gebunden (ganz unabhängig von der Acgierungssorm). Man muß diese natürliche Verschiedenheit selbst dann bejahen, wenn man der "Auffassung ist. daß wie Kbr. Haas dies ausführte'). kein Staat in so hohem Maße wie der gegenwärtige geeignet ist. den Wünschen der Jugend Rechnung zu tragen, und mau kommt auch nicht weiter, wenn man der studentischen Jugend vorhält, daß der heutige Staat der gleiche ist. de«: eine frühere studentische Generation in dieser Gestalt als Ideal erstrebte. Aber eine andere Frage ist es. ob das. waS uns heute als staatsfeindlich vor Augen tritt, echte Staatsfeindschast ist. ob nicht vielleicht diese natürlichen Gegensätze von alt und jung, von irei und gebunden, in der heutigen Zeit keine Rolle spielen und nur politische Gegensätze in diesen formen sich vollziehen. Es ist interessant zu prüfen, wie diejenigen kreise, die gewöhnlich als staatsfeindlich ange» sprachen werden, das Problem betrachten und wie sie einen Austveg suchen. klnd eS muß da ohne weiteres zugegeben werden, daß mit Staats» seindss^ast eigentlich nicht das ausgedrückt wird, was in der studentischen Jugend und an ihr in der Politik beklagt wird, sondern daß es sich vielmehr um eine Gegnerschaft zu den Staats» Institutionen handelt, um ein Nichteinsühlen und Richteingliedern in die notwendigen formen der Gemeinschaft. Gerade diese fragen müssen aber in der heutigen Zeit anders gesehen werden als ') K.E.Mtreilungen Dezember 19:9 <3.102. in früheren Generationen, denn das 20. Jahrhundert stellt in allen Parteischattierungen die Gemeinschaft in den Vordergrund, und läßt die Individualität im Gegensatz zum vergangenen Jahrhundert nur insoweit gelten, als sie sich in die Gemeinschaft eingliedert, hier liegt die innere Inkonsequenz unserer heutigen „staatsfeindlichen" Studentenschaft, die dieses Attribut immer wieder ablehnen will. Gerade die Jugend, deren Staatsfeindschast festgestellt und abgelehnt wird, betont auf der anderen Seite immer wieder die "Notwendigkeit der Gemeinschaft, verkennt aber, daß Gemeinschaft Anerkennung und Unterordnung verlangt. Daß die Gegnerschaft zum Staat nicht nur ein Problem der Gegenwart ist und daß dies auch von der Gegenseite anerkannt wird, ließe sich verschiedentlich belegen. Rur ein Beispiel sei angefiihrt. In der Monatsschrift des "Raumburger S. C., eines Blattes, das ftch durch sehr starken politischen Radikalismus auszcichnet, wird im Leitartikel in der Oktober-Rummer -1929 u. a. folgendes gesagt: ...... Die deutsche Studentenschaft ist immer revolutionär gewesen. Sie hat auch keineswegs den Staat der Vorkriegszeit als etwas Vollendetes angesehen. Wenn ihre revolutionäre Einstellung im kaiserlichen Staat zuletzt nicht mehr nt Erscheinung trat, so war das ein durchaus ungesunder Zustand, der im Wesen des letzten kaiserlichen Staates lag." Andererseits wird allerdings ebenso versucht, das Wort von der Staatsfeindschaft adzulehnen und dies« natürlich« Staatsfeindschaft nach Möglichkeit zu negieren und «s auf bestimmte Be» schwerdepunkte adzustellen. Man will nicht staatsfeindlich sein. Man verpönt auch den Ausdruck ..Reaktion". Man ist auch nicht „reaktionär". Man ist staatsfeindlich als „Revolutionär". Freilich auch das Wort „Revolutionär" behagt unserer völkischen Studentenschaft nicht, die nur die Devise kennt: .L’£tatc‘est moi!“ Sie bejaht den Staat, den Staat, wie sie ihn aufsatzt. Da man den gegebenen Staat bekämpft, und da man über die prinzipielle Staatsfeindschaft hinaus am alten hängt, stellt man ganz konkret« Forderungen an den heutigen Staat, verurteilt bestimmt« Erscheinungsformen des Staates. Bald ist es der nicht genügende Abwehrwille des Staates nach außen, bald der "Pazifismus, bald die Demokratie, bald der Parlamentarismus oder die Verfassung der Hochschulen, die den Anlaß zur Negation bieten. Das zeigt sich in den Blättern aller Richtungen. In einem Aufsatz in den .»Burschen-