KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 4 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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tun können im Rufen nach dem .Führer", nach dem „starken Mann", sind als fanatische Verkünder einer geistlosen Blutstheorie in Wahrheit viel radikalere Bekenner einer materialistischen Staats- und Geschichtsauffassung als die meisten Marxisten und — als sie es selbst wissen. Was gilt ihnen der deutsche Jude als Persönlichkeit? Was bedeutet ihnen die schöpferische Kraft eines Ballin, eines Rathenau, eines Hugo Preuß? Sie alle sind „fremdstämmig", „rassenfremd" — und infolgedessen charakterlich minderwertig. Hinweg mit ihnen aus der Gemeinschaft derer, die den Weg weisen wollen zum Wiederaufstieg Deutschlands! Hinweg mit ihnen von jenem Kampfplatz der Persönlichkeiten, auf dem um eine neue Staatsgestaltung und um ein neues, starkes Staats- und Nationalbewußtsein gestritten wird! Hinweg mit der Persönlichkeit, wenn sie nicht hineingepreßt werden kann in das Schema einer mühselig geformten, pseudowissenschaftlichen völkischen Rassenkunde! Was haben wir K. L.er in dieser Lage zu tun? Ich glaube, wir haben es nicht mehr nöttg, immer und immer wieder unser deutsches National- und Kulturbewußtsein zu verkünden; jedes Zuviel in dieser Richtung ist eine Entwürdigung für uns — und für das deutsche Volk. 12000 jüdische Kriegergräber künden mehr von unserem vaterländischen Pflichtgefühl als tausendfache Reden und Schriften. Wir haben — meiner Ansicht nach — als akademischer Verband eine große Aufgabe zu erfüllen, der sich alle anderen Aufgaben unterordnen müssen: die Erziehung unserer jungen Bundesbrüder zu Persönlichkeiten, die geisttg und charakterlich durch die Arbeit innerhalb des Verbandes und durch das Bewußtsein von der Verantwortung des einzelnen für alle so gefesttgt und gestärkt werden, daß sie sich später im öffentlichen Leben zu Führern entwickeln können. Es ist eine Binsenweisheit, daß wir heute Führer bitter nöttg brauchen, im deutschen polittschen Leben — und im engeren Kreise des jüdischen Gemeindelebens. — Ausbildung zur Persönlichkeit, das bedeutet für uns Mithilfe an der Entwicklung aller derjenigen Fähigkeiten des einzelnen, die in jedem Menschen vorhanden sind und die nur sorglicher Pflege bedürfen, bedeutet Weckung und Förderung des Selbstbewußtseins, bedeutet aber nicht minder Weckung des Wunder wirkenden und beglückenden Gemeinschaftsgefühls, bedeutet, daß das „höchste Glück der Erdenkinder" nur erworben werden: kann im Wirken für die Gesamtheit. * * * Maxim Gorki hat einmal darauf hingewiesenr), wie das tteffte Wort von der Bedeutung der Persönlichkeit ln der Gemeinschaft einst Hillel gesprochen hat: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich — und wenn ich nur für mich bin, wer bin ich dann?" Im Sinne dieses Wortes laßt uns im K. C. erzieherische Arbeit leisten, sie wird Früchte tragen für unser deutsches Vaterland und für unsere jüdische Gemeinschaft. *) Maxim Gorki. Die Zerstörung der Persönlichkeit. 1909. Dl» deutsch» Ktudeulruschast und dl« fUvoIntiiracit von 1780,1818 und 1018*) Don Prof. Dr. Paul Sshmank. Göttingen. Seit der Mitte deS achtzehnten Jahrhunderts rang sich auf deutschem Boden im Schoße des absoluten Staates eine neue Macht zum Dasein empor, welche sich zuerst in der herrlichen Blüte der klassischen Literatur offenbaren und dann zur Trägerin deS gesamten deutschen Geisteslebens werden sollte: daS Bürgertum. Der absolute Staat, welcher die ihn einengenden Gewalten wie die Stände in ihrer Macht herabgedrückt oder ganz deftitigt hatte, bedurste seiner, da eS ihm in der Hauptsache die Beamten stellte. Aber die zunehmende Bedeutung und Stärke deS aufstrebenden Bürgertums führte ganz von selbst dazu, daß eS sich als Macht — zuerst nur als geistige, dann jedoch auch als politische — fühlte und allmählich auS seiner untergeordneten Stellung hervortrat. °)Au« der Genser Zeitschrift: Box Studentin« (1927) adgedruckr. Dieser Aufstieg des Bürgertums setzte etwa um 1750 ein. Seit dem Anfänge des neunzehnten Jahrhunderts nahm die Bewegung zu. und in ihr spielten die deutschen Universitäten eine wichtige Rolle: sie halfen eine deutsch« Wissenschaft begründen. welch« kühn die verstachelten Grenzen der einzelnen deutschen Länder überschritt und in trüben Zelten die Idee der gesamtdeutschen Einheit — mehr oder minder bewußt — durchwinterte und erhielt. Und nicht bloß die von ihnen gepflegte Wissenschaft bekam «ine geschichtlich« Bedeutung, sondern auch die auf ihnen studierende Zugend. Ihre Entwicklung verlief innerhalb der gewaltigen Aufwärtsbewegung des Bürgertums, ja sie bildete geradezu einen Teil derselben und blieb mit ihr schicksalsverbunden. DieS zeigte sich aber erst im neunzehnten Jahrhundert. AlS die sranzösische Revolution 178V auSbrach und »Freiheit» Gleichheit» Brüderlich-