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KC-Blätter · 1929-11-01 · Heft 4 (November 1929) · p. Seite 66

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 4 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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es Politik und Persönlichkeit. Von Dr. Ernst Fraenkel (Thur.). Politik und Persönlichkeit — Staat und Einzelwesen. eine Fülle von Problemen ergibt sich aus der Gegenüberstellung dieser Begriffe; Fragen tauchen aus, deren Beantwortung je nach der Stellung dessen, der sie gibt, entscheidend ist für seine Auffassung vom wirtschaftlichen, geistigen, sozialen, kurz vom politischen Leben überhaupt. Ist es da nicht vermessen, im Rahmen einer kurzen Abhandlung in einer studentischakademischen Zeitschrift diese Frage überhaupt anzuschneiden? Der Sinn dieses Sonderheftes, das unter dem Sammelbegriff: „Wir und die Politik" hinausgeht, ist, wenn ich ihn recht verstehe, durch zwei Punkte bestimmt. Einmal wollen wir der Oeffentlichkeit oder zum mindesten einem kleinen kreise innerhalb der Oessentlichkeit — zeigen, wo wir innerhalb der deutschen Politik, unbeschadet unserer Parteizugehörigkeit, stehen und wohin wir wollen, zum andern aber wollen „Wir Aelteren" unseren jungen Bundcsbrüdern Anregung geben, sich mit den in der Gegenwart doppelt und dreifach notwendigen Fragen des öffentlichen. Lebens zu beschäftigen und sie. sofern es nottut. aus ihre Pflichten innerhalb der Gemeinschaft hinzuweisen. Rur unter diesen Gesichtspunkten sollen meine kurzen Ausführungen verstanden werden. Vor mehr als drei Jahrzehnten tobte in der deutschen Geschichtswissenschaft jener Methodenstreit. dessen Führer die beiden großen Historiker Lamprccht und von Below waren, der Kampf um die Frage, ob alles „Geschichtliche Sein und Werden" das Ergebnis persönlicher individueller Kräfte oder kollektivistischer Massenbewegungen sei. Das letzte Wort in diesem Streite der Meinungen ist bis heute noch nicht gefallen — und es wird wohl auch niemals fallen —. weil es sich sit venia verbo — mehr um „Glaubens-" als um „ErkcnntniSfragen" bandelt. Ader unsere eigenen Erfahrungen gerade in den letzten Jahrzehnten haben unS gezeigt, wie stark die gegenseitige Beeinflussung von Einzelpersünlichkeit und Gemeinschaft ist, und daß man mit Recht sagen kann, daß aus diesem wechselseitigen Verhältnis ..der Fortschritt unserer staatlichen und unserer »ulturentwicklung überhaupt beruht."') So wahr es ist. daß alle Massenbewegungen, mögen sie geistiger, wirtschaftlicher oder politischer Art sein, undenkbar sind ohne starke Persönlichkeiten. dt« ») Bergt. Stier So«io: Politik. »V20. Seit« ä. ihrerseits wieder „vorwärtswuchtend" und richtunggebend wirken, so wenig darf vergessen werden, daß jede Persönlichkeit nur verstanden werden kann aus dem Boden, der Umwelt, dem sie entstammt und die ihr ihre Kräfte und Fähigkeiten gegeben hat. Rur als Einzelglied in einer zeitlich unbegrenzten Kette von Generationen, deren jede ihr eigene Züge mitgegeben hat, kann die Einzelpersünlichkeit gewertet werden. Auf Grund dieser physiologisch-psychologischen Bestimmtheit des Individuums ergeben sich einige wesentliche Gedanken für unsere Betrachtung. Die Persönlichkeit hat in der Politik das Recht auf Anerkennung ihrer Eigenwertigkeit. Ist nicht in einer Zeit vielleicht allzu stark betonter Bedeutung der „Massen" diese eigentlich selbstverständliche Forderung fast in Vergessenheit geraten? Ist es nicht heute beinahe so im deutschen Vatcrlande, daß fast jeder Mensch nur noch „bewertet" wird als „Mitglied" oder als „Verbandsangehöriger"? (Das „Bundesabzeichen" im Knopfloch, die „Verbandsnadel" ist eine so wunderbar wohltuende ..Abstempelung", man weiß sofort, „mit wem man es zu tun hat.") Die eigene politische, in mühsamer Wissenschafts¬ oder Erfahrungsarbeit errungene selbständige Idee ist valutarisch minderwertig gegenüber einem Programm. Der von einem Verbände oder gar von einer Interessentengruppe vorgeschlagene Vertreter siegt im Kampfe um politische Beachtung über die Persönlichkeit, „hinter der keine Massen stehen". Es ist Zeit, sich ehrlich zu fragen: Muß das so sein? Ist diese nicht zu leugnende „Unterbewertung" der Persönlichkeit in der Politik eine notwendige Folge des demokratisch-parlamentarischen Systems? Gerade wer in dieser RegierungSform den nicht mehr wegzudenkenden Ausdruck d«S politischen Zeitgeistes Mitteleuropas sieht, muß diese «Zerstörung der Persönlichkeit" mit aller Energie und aller Leidenschaft bekämpfen. Von Gertrud Bäumer stammt das kluge Wort: „Demokratie ist angewandter Liberalismus". Liberalismus. das heißt Kamps um die Freiheit der Persönlichkeit, damit sie sich auSwirken im Rahmen und zum Wodle der Gesamtheit, sich zur Demokratie bekennen im lebendigen Sinne» das heißt Mitarbeiten, um den Boden zu schaffen und zu pflegen, aus dem sich Iührerpersönlichkeiten entwickeln können. Für unS deutsche Juden ist dasPersönlichketts- Problem von besonderer Bedeutung. Unsere Gegner, lene „Völkischen", di« sich nicht genug

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