KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 4 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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64 gewesen. Als Rieder 1818 in das Frankfurter Parlament gewählt wurde, war er schon lange der deutschen Öffentlichkeit als Vorkämpfer jüdischer Gleichberechtigung bekannt. Wie er der erste Jude gewesen ist, der (Hamburg 1860) die Stellung eines Richters erlangte, ist er einer der ersten gewesen, die als Parlamentarier Bedeutung erlangt haben. Wie er für die Gleichberechtigung der Juden eingetreten ist, die auch dort noch verteidigt werden mußte, wird niemals vergessen werden. Politisch gehörte er dem gemäßigten. Liberalismus an und trat für die kleindeutsche Lösung der deutschen Frage unter einem preußischen Kaisertum ein. Er war Mitglied der Deputation, die Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone anbot. Johann Iakoby war ebenso wie Ricßer bereits als Verteidiger seiner Glaubensgenossen bekannt, genoß aber daneben noch eines beträchtlichen Rufes als Vorkämpfer der Erlangung einer Verfassung. Seine berühmte Schrift „Vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen" (181 l) hatte ihm eine Anklage wegen Hochverrate zugezogen, von der er vom Ober» tribunal 181:; freigcsprochen wurde. Von seiner Vaterstadt Königsberg in die preußische Rational- Versammlung entsandt, gehörte er in ihr zu den Führern der entschiedenen Demokratie. Er ist der Mann gewesen, der es gewagt hat. als Mitglied einer Deputation der preußischen Rationalvcrsamnrlung Friedrich Wilhelm IV. die bitteren Worte zuzurufen: „Das ist eben das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen." Während der Zeit der Reaktion zog er sich aus dem politischen Leben zurück. Ins Parlament trat er erst wieder zur Zeit des Konflikts 1868 ein. Er wandte sich immer mehr nach links, gehörte zu den Wenigen, die die Annexion von EUaß.Lothriugen nicht billigten. Am Abend seines Lebens schloß er sich der Sozialdemokratie an. ohne jedoch in ihr eine Wirksamkeit zu entfalten. Das Frankfurter Parlament hat noch mehrere Männer jüdischen Stammes gesehen. Der Hamburger Heckschcr. unter dem Reichsverweser Erzherzog Johann Minister der Justiz, gehörte dem Judentum nicht mehr an. ebensowenig wie Eduard Simson aus Königsberg, der spätere Präsident des Reichstages und deS Reichsgerichts. Ungetanst hingegen ist bei tatsächlicher Abkehr vom Judentum der Dichter Moritz Hart mann geblieben, der Abgeordnete für Leitmeritz, der Italer Ludo Moritz Hartmanns, des ersten Gesandten der österreichischen Republik in Deutschland. Alle können hier nicht erwähnt werden. Genannt sein möge noch aus lener Zeit der Arzt Raphael Iakod Ko sch aus Lissa. von 1818 dis zu seinem Tode 1872 preußischer Abgeordneter. ein entschiedener Demokrat und, wie das öfter gerade bei jüdischen Abgeordneten der Fall gewesen ist, ein besonderer Kenner der Geschäftsordnung, man nannte ihn das Gewissen des Hauses. Hervorzuheben wäre auch noch ein Mann, der als Politiker stark hervortretend auf die parlamentarische Laufbahn, die ihm jederzeit offen gestanden hätte, verzichtet hat, Aron Bernstein. der Schriftleiter der Urwähler-Zeitung und spätere langjährige Leitartikler der Berliner Volkszeitung, der Oheim Eduard Bernst eins. Der Abgeordnete jüdischen Glaubens blieb naturgemäß auf die Parteien der Linken und der Mitte beschrankt. Bei der Rechten, die die Gleichberechtigung des Judentums verneinte, fehlten dafür die Männer jüdischen Stammes nicht, die an der Zurücksetzung der jüdischen Religion keinen Anstoß nahmen. Friedrich Julius Stahl aus München, mit seinem eigentlichen Ramen Schlesinger geheißen, der berühmte Verfasser der „Philosophie des Rechts nach geschichtlicher Ansicht", der Urheber des Wortes von der „Umkehr der Wissenschaft", seit 1810 Professor in Berlin, wurde 1819 in das Preußische Herrenhaus berufen und ist dort der geistige Führer der preußischen Konservativen geworden, die von seinem Erbe noch jahrzehntelang gezehrt haben. Er starb 1861. Das Preußische H e r r e n h a « s ist im allgemeinen den Juden verschlossen geblieben. Meyer Karl von Rothschild ist für lange Zeit das einzige jüdische Mitglied gewesen, vorher war er 1867 zum ersten Reichstag deS Rorddcutschen Bundes in Frankfurt a. M. gewählt worden, nach einem heftigen Wahlkampf gegen den Demokraten Leopold S o n n e m a n n . den Gründer der Frankfurter Zeitung. Rothschild war Kandidat der Gemäßigten und der Rechten und schloß sich im Reichstag der Gruppe an, aus der später die freikonservativ« Partei hervorgegangen ist. Später hat noch die Stadt Bromberg den Stadtrat Friedländer ln das Herrenhaus entsandt und kurz vor dem Weltkrieg wurde der Geheime Kommerzienrat A r n h o l d ins Herrenhaus berufen. Das sind die einzigen Juden gewesen» die in zwei Menfchenaltern dem Herrenhause angehört haben. Der Reichstag des Bismarckschen Reiches bat ebenso wie der Preußisch« Landtag und zahlreich« Länderparlamente Juden in seinen Reihen gesehen. Ganz glatt und reibungslos waren auch in jenen Zeiten, die ben heutigen Antisemitismus nicht kannten, jüdische Kandidaturen nicht durchzusühren. Zwei Ramen sind eS» die hervorleuchten: Eduard LaSker aus Iarotschin (1829 bis 1881) und Ludwig Bamberger aus Mainz (1828 dis 1899). Es ist hier nicht der Raum.