KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 4 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
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62 daß es noch einen Weg für Deutschland gibt, der mit derselben Gewißheit schließlich aufwärts führen wird, wie die Taktik der Stresemannfchen Widersacher in den Abgrund trieb. Der Glaube an die Gesundung schien verloren, als anno 1923 Deutschland, aus tausend Wunden blutend, in irren Fieberschauern zuckend, zu verröcheln schien. Da war es Stresemanns unvergängliches Verdienst, daß er in dieser Stunde beginnender Auflösung den Mut zum hoffnungsglauben hatte, in einer Zeit, in der die Siedehitze des Wahnsinns alle Vernunfts- und Rechtsbegriffe zum Schmelzen brachte, das Beispiel uncrschüttertcr Zuversicht bot. „Hoffnung ist Feigheit". sagt irgend eine philosophische Lehre. Sie meint aber nicht jene Hoffnung, die sich auf die Zuversicht zur eigenen Leistung gründet. Das war der psychische Kern des Stresemannschen hossnungsglaubcns: Kein selbstverlorenes Starren in die Zukunft, sondern ein bewußtes hineintragen der eigenen Persönlichkeit in die Gestaltung der Schicksalsdingc. Wir wollen unserem Volke nie die Wiederkehr der Unheilslage von 1923 wünschen; wenn aber ein sticfgesinntes Schicksal es anders beschließen sollte, dann wird Deutschland als seelische Kraftquelle das Gedenken haben an jenen einen Mann, der in des Schissdruchs Knirschen nicht verzagte. Die Art. in der er seine Leistung vollbrachte, bietet ein noch viel idealeres Beispiel. Strescmann erwies hier seine Stärke, hart und streng gegen sich selbst zu sein, und die Vergangenheit des eigenen Ich zu opfern. Sein klar schauender Blick, der ihn erkennen ließ, daß die im Ruhrkampf neu aufslackernde Kriegspsychose der eruptive Fieberransch eines krankheitsgeschwächten Volkskörpers war. schädlich in seiner Sinnlosigkeit, zwang ihm die weitere Einsicht auf. daß sein bisheriges eigenes Streben und Fühlen in sal'chcm Kurs gesteuert war. So wurde ans dem Annexionisten von einst der 'Pazifist von jetzt, so wandelte der Monarchist sich in den Republikaner. der ..Sprenger der roten Ketten" sich zum Befürworter sozialistischer Mitregierung. Sicher King Stresemanns Herz wett eher an den Idealen der wilhelminischen Zeit. Aber er hatte nüchtern und untrüglich erkannt, daß ihre Stunde vorüber war. ihre fernere Anbetung den Fluch des Schicksals herniederziehen würde. 2m Anfang seines Handelns, das der Meberwindnng unserer nationalen Leiden galt, stand die Mederwindung des eigenen Ich. Nicht um in seinem Mantel den Wind der Konjunktur zu sangen — wie malittöse Nekrologschreiber tdm attestierten — hat er die sogenannte ..Realpoltttk" geschaffen, sondern wett er das für das einzig Richtige gelten ließ, was ihm im VaterlandSinterefse zu liegen schien. Mit* dünkt daS eine nationaler« Tat als das unentwegte Treiben der politischen Scharlatane, die immer wieder das gleiche Rezept auf den Märkten ausschreien, unbekümmert darum, daß cs sich soeben erst als lebensbedrohende Mixtur erwies. Wer kann von all den Leuten, die an mehr oder weniger exponierter Stelle die Geschicke der Nation bestimmen, wohl noch mit gleichem Recht sich rühmen, so unbeirrt und mutig die Mmkchr von einem als falsch erkennten Wege stets bewirkt zu haben? So manches schleppt sich im alten Fahrwasser weiter und fährt im Schlingkraut fest, was durch einen einzigen entschlossenen Steuerruck in glatte Fahrt zu bringen wäre. Oft unterbleibt das Herumreißen des Steuers nicht deshalb, weil der Lenker die Notwendigkeit nicht erkannte, sondern weil ihm Mut und Kraft fehlten, dem besseren Genius zu gehorchen. Es mangelt, scheint mir, allerorts im deutschen Land weniger an der Elastizität des Geistes, als an der Schwungkraft der Seele. Es gibt auch in den Reihen der Verantwortlichen recht viele Naturen jener Art, wie Ibsen — vor dessen kritischem Forschcrblick sich unsere Zeit noch sehr zn Anrecht sicher fühlt — in seiner „Wildente" sie zeichnet. Die Natur der Wildente, die einmal vom Geschoß des Jägers gestreift, zum Meeresboden sinkt und sich nicht mehr emporheben kann, lebt heute wie einst. Stresemann gehörte nicht zu ihnen. Er sah die Wunde, die das Zeitgeschehen in sein bisheriges Tun geschlagen hatte. Er fühlte nun auch die Kraft, sich aus dem Fangarm d'eS VersinkenS zu reißen und neu ans Licht zu arbeiten. Ehrlichkeit und Strenge gegen sich selbst half ihm empor. Die Schlaffheit der Seele führt zu anderen Gefahren noch als zum Beharren auf falscher Bahn. Sie verleitet oft zur selbstzufriedenen Sicherheit, zum trägen Hineinblinzeln in den Werktag, zur tatenunfroben Genügsamkeit mit dem Erreichten. Gerade die politischen Kreise, die sich um Stresemanns Banner — weit über die Grenzen seiner Stammpartei hinaus — scharen, lassen sich nicht selten die Schlummerkörnchen in die 'Augen streuen, anstatt die Augen ivachsam aufzuhalten. Es dokumentiert sich dies zumeist in einer Mnterschätzung der gegnerischen Stärke und Angrifsslnst. Stresemann hielt sich hiervon frei. Er wußte, daß sein Werk noch lange hinaus gegen die daßvolle Böswilligkeit zu beiden Seiten der Grenzpsähle verteidigt werden mußte. Darum ging er innenpolitisch« Wege, die den Freunden seiner Außenpolitik nicht immer recht gehenerlich erschienen. Darum suchte er die Mitarbeit auch der intransigenten Kreise, die er auf diese Art wohl zu gewinnen hoffte. Gedankt haben es ihm diese Kräfte freilich nicht. In ihren Augen blieb der Mann, der aufwuchS vom Anwalt der deutschen Befreiung zum Anwalt des europäischen