KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 2 (April 1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn, ich der Anregung des Bbr. Strahlmann, über diese Theorien nachzudenken, Raum gebe, so bleibt natürlich in beiden Fällen nichts als schärfste Ablehnung dieser greulichen und in ihren Konsequenzen, wie man sieht, geradezu verheerenden Begriffsverwirrung. Beginnen wir mit dem GeschlechtZbegrisf. In der Biologie ist „männlich" ein Körper, der Samenzellen bildet, „weiblich" ein solcher, der Eizellen bildet. Die Bezeichnung des Geschlechts folgt also den „primären" Geschlechtsmerkmalen, der Aatur der Keimzellen, die das fragliche Wesen bildet. Eine jede andere Begriffsbestimmung, die etwa die „sekundären" Geschlechtsmerkmale verwenden wollte, ist aus dem Grunde unmöglich, daß es Lebewesen gibt, deren Geschlechter sich n u r durch die primären Geschlechtsmerkmale unterscheiden, und daß bei allen übrigen die sekundären Geschlechtsmerkmale von Art zu Art variieren, daß eine einheitliche Benennung derselben unmöglich ist: hier ist das Männchen groß, das Weibchen klein, dort gerade umgekehrt, bei dritten sind sie gleichgroß. Hier bat der Mann Sonderorgane, wie das Hirschgeweih, die Hahnensporen und Sichelfedern, dort umgekehrt das Weibchen, wie die Legestacheln der Heuschrecken- und Schlupfwespenweibchen. Schon die oberflächlichste Betrachtung der Gesamtheit der Lebewesen zeigt auf das deutlichste, daß man als Weib und Mann allgemein lediglich den Samenzell- bzw. Eizellbildner benennen kann, gleichgültig ob und wie sie sich sonst noch unterscheiden mögen. Nicht Hosen oder Röcke machen den Mann oder die Frau, sondern die Keimzellen Meininger setzt sich in genialer Unkenntnis der Tier- und Pslanzemvelt und der grundlegenden, allgemeingedräuchlichen Begriffe, wie sie jedem Naturwissenschaftler geläufig sind, auf den Stuhl und dekretiert, das was ihm am Menschen gefällt. heiße männlich, das was er verachtet, heiße weiblich. Daß in dieser Nomenclatur bekannte Tatsachen, die jeder von unS täglich hundertmal beobachtet, anscheinend neue Gesichter gewinnen, iü zuzngeden. Es mag ein prickelndes Gefühl für solche sein, die nicht gewohnt sind naturwissen, schastlich zu denken, daß sie im Männerkleide verkappte Ein-. Ztvei- oder Dreiviertelweiber seien, daß in Wagner ein Stück Jude steck« usw. Wenn ich sage, es gibt weibische Männer und zigarrenrauchende budiköpfige Frauen, wobei in vielen Fällen bekanntermaßen die Frisur keinerlei Schlüsse aus den Charakter gestattet, oder es gibt ehrenwerte Juden und unter den Christen auch einmal einen Lumpen, so klingt das weit weniger geistreich, ist aber bei Licht betrachtet genau dasselbe in gebräuchlicher Terminologie. Wie oft am Tage denke ich doch bei Lektüre der Tageszeitungen, der Roman«. Gedichte und auch vieler wissenschaftlicher Schriften: „Wären wir doch nicht so geistreich!" Redeten wir, wie uns der Schnabel gewachsen ist, oder besser noch überlegten wir zuerst, definierten dann und hielten uns dann an die Begriffe, aber nicht jeder für sich, sondern unter Hochhaltung des Sprachgebrauchs, so bliebe vieles ungeschrieben, von dem nach Abzug des Wortgeklingels schlechterdings nichts übrig bleibt, heute genügt es offenbar, für Schwarz einmal Weiß zu sagen, „Kegel. Fläche, Band" zu „Urformen" zu ernennen, den Eismollakkord rosapunktiert und den Q-Dur-Dreiklang gelbviolett gescheckt zu „sehen", und schon ist man unendlich „geistreich". Wir Naturwissenschaftler müssen es uns energisch verbitten, daß man mit unseren Arbeitsbegrissen leichtfertigen Mißbrauch treibe. Was Mann und Weib sei, das wissen wir recht gut, und brauchen dazu nicht Herrn Meininger. Nicht anders steht es mit den Juden. Wenn Herr Meininger Schule macht, was hindert, daß einmal eine Frau Weininger aufträte und Meiningers Definition umdrehte: Das Weib ist edel, schön, gut, aufrichtig, kurzhaarig usw., der Mann hinterhältig, häßlich, schlecht, verlogen, glattrasiert usw. And statt Mannweib sagt man Weibmann und so fort? Oder wenn ein christlicher Antichrist sich an Nathan dem Weißen berauscht und dekretiert, alles was im Menschen versöhnlich» sanftmütig. edel und gut sei. das heiße fortan jüdisch, alles schlechte, infame aber christlich? Solche Berfahrungsweisen liegen im Sinne der Zeit, Bücher wie Günthers Rassenlehre machen es im Grunde nicht anders. Sympathin und Antipathien ein jeder, aber sie gehören nicht in die Wissenschaft, sondern in die Politik. Wie wollen Weininger und die beiden oben von mir aufgestellten advocati diaboli sich mit Gründen einigen? Sie vermögen es ebenso wenig, wie der Hamburger und der Bayer sich über Küchenfragen vertragen können. De gustibus non est disputandum. Um so mehr hüte n:an sich. Geschmacksurtetle in Definitionen einzuschleichen, die wissenschaftlichen Wert beanspruchen. Z1MWERBESTELL0NGEN für den K.~C.Tag schon jdat erbeten an Verb, im K.-C Neo-Friburgia Freiburg I. &, Hotel z, Linde UntarUndtn