KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 2 (April 1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2268830-2268964-2268966--3274-3526425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
15 IV. Gewiß hat Rathenau mehr als einmal die Bedeutung der Evangelien und sein Hingezogensein zu ihren Lehren betont, die Transcendenz des Gottesreiches, die Liebe und der Glaube schien ihm in diesen Evangelien stärker betont zu sein als in der alten Schrift und mit besonderer Liebe hing er an der Persönlichkeit des Heilsverkünders von Nazareth, aber er weiß, daß die Lehre des Christentums nur aus dem Boden des jüdischen Ethos und des jüdischen Gottesglaubens entstehen konnte. Einen breiten Raum in seinen Briefen nimmt der Briefwechsel ein zwischen ihm und Constantin Brunner, dem Verfasser des Buches „Unser Christus". Aber so sehr er auch für die Lehre des Christentums eintritt, ebenso scharf lehnt er auch nur die Möglichkeit einer Taufe ab, nicht nur deswegen, weil er als Bekenner des persönlichen Gotteserlebens jeden Ritus und jedes dogmatische Bekenntnis ablehnen muß. auch nicht nur deswegen, weil er keinem Vorwurf und keiner Beschwerde als Jude sich entziehen will, der tiefere Grund ist letzten Endes das innere Verankertsein im jüdischen Gottesglauben. Das Judentum ist für ihn eine Geistesreligion, es ist frei von Dogmen, und die Dogmenfteiheit des Judentums ist für ihn „keine empirische, sondern eine virtuelle". Das Einigende im Judentum ist für Walther Rathenau daS Bekenntnis zur religiösen Einheit. Die Urform des Glaubensbekenntnisses hat vier Worte; in unserer Sprache lauten sie: „Der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig." Das Judentum als Bekenntnis zu zu einem reinen, weder durch Kirchenvorschriften noch durch Ritualgesetze beschränkten Monotonismus gibt ihm die Möglichkeit, im Kreise der kulturellen und religiösen Einheit zu bleiben". V. Walther Rathenau, der Mann, der die höchste Spitze erklommen hatte, Walther Rathenau, der Mann, auf den ganz Europa und die halbe Welt mit Bewunderung blickte, Walther Rathenau ist im Grunde seines Herzens ein leidender Mensch gewesen. Die zwei Kräfte in seinem Innern, von denen er einmal anläßlich einer Rede bei seinem 50. Geburtstag im Kreise seiner Freunde gesprochen hat—), hat ihn Zeit seines Lebens schwerste Kämpfe gekostet. „Es ist nicht verwunderlich, daß ein Mensch leiden muß, dem es auf der einen Seite beschieden ist, den Dingen nachzuhangen und nachzuträumen in Sehnsucht und Empfindung, und den dann wieder der Teufel reitet, daß er in die Welt eingreifen, und aufgekrempelt bis zum Ellenbogen, in diesen Dingen der Welt rühren muß." Aber getragen von deutschem Idealismus hat ihn sein jüdischer Optimismus nicht versinken lassen in die Probleme der Welt und in die Rätsel der Gegenwart und offenen AugeS und mutigen Herzens hat er seine Sendung ausgeführt, getreu seinem Worte: „Unsere Sendung ist es. solange die Seele nicht vollkommen Erstarkt in sich selbst ruht. Zum Leben um des Gottes willen Und zur Leistung um der Welt willen Uns gegenseitig zu ermutigen." ***) Adgedruckt im Hnsel-Almanach 1925. Kampf oder Entsagung. Bon RtchlSanwaU Dr. »urt Alexander, «reseld (Badenlae-Bavarla«, Rheiioslleslae). In der Ianuar-MLrz-Aummer der K. C.-Blät» ter beschäftigt sich Herr Kartellbruder Lennhoff mit dem Artikel im „Schild": „Jüdische SchiedS- und Ehrengerichte". In durchaus zutreffender und sehr zu bttligender Welse widerlegt Kd. Lennhoff die in jenem Artikel vertretene Auffassung. ES scheint mir aber, daß man die Erörterung damit nicht beschließen darf. Hier ist ein Problem angeschnitten, daS unbedingt und gerade in den K. C.-Blättem einmal grundsätzlich erörtert werden muß. Lediglich um die prinzipielle Bedeutung der Frage zu charakterisieren, darf ich darauf Hinweisen, daß ich mich mit ihr bereits in einem Referat, daS ich auf der Hauptversammlung deS Centralveretns deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Frühjahr 1926 hielt, und später in einem Leitartikel in der E. B.-Zeitung beschäftigt habe. ES handelt sich nicht darum, ob man Streitigketten unter Juden jüdischen Schiedsgerichten zu unterbreiten habe. Das Problem liegt tiefer. Zwei Meinungen stehen einander gegenüber: Sollen wir Juden infolge der steten Kränkungen und Ungerechtigkeiten unsere Belange im eigenen Kreise vertreten und unS möglichst wenig aus diesem KreiS he rauswagen, oder sollen wir den Kampf da ausnehmen, wo er gegen uns geführt wird, nämlich in den Reihen unserer nichtjüdischen Mitbürger.