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KC-Blätter · 1927-04-01 · Heft 2 (April 1927) · p. Seite 14

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 2 (April 1927)
Date
1927-04-01
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 Wir müssen der Mutter Rathenaus, dieser edlen deutschen Frau, dankbar dafür sein, daß sie durch die Veröffentlichung der Briefe ihres Sohnes dem gesamten deutschen Volke, soweit es geistig dazu in der Lage und guten Willens ist, die Möglichkeit gegeben hat, einen Blick zu tun, nicht nur in die Arbeitsweise des Staatsmannes, des Wirtschastsführers und des Philosophen, sondern darüber hinaus in die Seele eines deutschen Patrioten der Gegenwart, eines Mannes, der um die Seele seines Volkes, das er aus tiefstem Herzen liebte, nicht minder rang, wie um die großen Ewigkeitsfragen seines Glaubens. *) Mit tiefster innerer Bewegung habe ich diese Rathenauschen Briefe gelesen, die das Kämpfen und Leiden dieser Seele in ihrer Vielbewegtheit wicderspiegelt. Was mich aber beim Lesen dieser drei Bände am meisten ergriffen hat, das war das Bild, das mir aus jeder Zeile entgegentrat, von Rathenau, dem deutschen Juden, der deswegen nicht weniger deutsch ist, weil er manches Mal eine nur allzu berechtigte Kritik an seinem Volke übt, und deswegen nicht weniger jüdisch, weil er auf manche Mißstände und Fehler innerhalb der Glaubensgemeinschaft hinweist, zu der er sich mit Stplz bekennt. Deutscher Idealismus und jüdischer Optimismus sind der Ausdruck seines innersten Wesens, wie es uns in jedem seiner Briefe entgegentritt. II. Sein Deutschtum ist für Walther Rathenau keine Sache der Problematik, die Frage seiner Zugehörigkeit zum deutschen Volke ist für ihn unabhängig von einer rationalen Betrachtungsloci sc und bedarf keiner Diskussion. Er fühlt deutsch und „kann sich nie von diesem deutschen Volke trennen". Er weiß. daß. wenn man ihn auch von seinem deutschen Boden vertriebe, er dennoch deutsch bleiben und sich nichts in ihm ändern würde. „Meine Vorfahren und ich selbst haben sich von deutschem Boden und deutschem Geist genährt und unserm, dem deutschen Volke, erstattet. was in unfern Kräften stand. Mein Vater und ich haben keinen Gedanken gehabt, der nicht für Deutschland und deutsch war." Freilich zeigt sich nationale Gesinnung und Betätigung, wie er sie aussatzt. nicht in „devoten Tiraden oder agressiven Liedern". — aber in liebevoller und ktngebender. aufopfernder und freier Kulturarbeit zu Ehren und zum Segen des deutschen Landes. 1 Walter Rathenau: Brief« 1927 Carl Rethner. Dresden. Band ' und 2. — Walther Rathenau: Reue Briefe 1927 Carl Reihner. Dresden. darin erblickt er den Ausdruck wahrer Vaterlandsliebe. Und wie er sein deutsches Vaterland liebt, so hat er gleichzeitig eine schwärmerische Liebe für Preußen, das er „in seiner besten Art als Preuße und Mensch liebt". Bedarf so die Frage seines Deutschtums keiner Diskussion, zumal er ja mehr als einmal im letzten Jahrzehnt seines Lebens Gelegenheit hatte, seine Vaterlandsliebe in die Tat umzusetzen, so ist vielleicht problematischer für ihn, aber auch für uns als Betrachter sein Judentum. IN. Walther Rathenau, im jüdischen Hause erzogen, hat keinen Religionsunterricht genossen, aber seine Mutter hat uns berichtet, und seine Briefe zeigen es deutlich, daß er das Hebräische vollkommen beherrschte „und Bibel und Talmud wie ein Rabbiner kannte".**) Die Geschichte seiner Glaubensgenossen kannte er bis in ihre feinsten Verästelungen, und nicht minder wie die Vergangenheit sieht er das Bild des Juden in der Gegenwart, von dem er weiß, daß er im rituellen Bereich der alten Religion wenig bewandert ist und mit der Religionsgemeinschaft in der Regel nur anläßlich der sakramentalen Handlungen des Lebens in Berührung tritt. Aus dieser Kenntnis des Judentums heraus schafft er sich seine eigene Stellung innerhalb des Judentums. Daß der Mann des deutschen Idealismus, für den der Geist das Entscheidende ist» für den es eine Selbstverständlichkeit ist, daß der Geist sich den Körper schafft, daß dieser Mann die durch das Blut bestimmte Rassentheorie ablehnt, ist etwas selbstverständliches. Er glaubt an die Kraft des guten Willens, und eine Gegensätzlichkeit unter den Menschen erkennt er nur an unter dem Gesichtspunkte „edler und unedler Gesinnung", nie aber kann er diese Gegensätzlichkeit dem Blute zuschreiben. Mit scharfer Formulierung erinnert er einmal daran, daß eS das Judentum gelvesen ist. das der Menschheit an ihrem Wendepunkt Männer, wie: Moses. Ehristus. PauluS» Spinoza und Marx geschenkt hat. DaS Judentum als nationale Einheit ist für ihn untergegangen. Die Rationalität ist bedingt durch Gemeinsamkeit des BodenS und der Geschichte, und «in anderes RationalitätSgefühl als daS deutsche kann für einen gebildeten und gesitteten Juden nicht bestehen. Lehnt Rathenau also das Judentum alS Rasse und Nation ad. so bejaht er eS unumwunden alS religiöse Einheit. ") .Der Morgen* Zweimonatsschrift Philv-Berlag Berlin. Jahrgang 2 Rr. 6 und Jahrgang 3 Rr. l. Kdr. Ernst Jacob (Q)i): Walther Rathenau als Deutscher und Jude in seinen Briefen und Schriften.

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