KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 6 (November 1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- Seite 109 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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109 irgendeine andere Staatsform theoretisch für die beste hält, nur muß er sich darüber klar sein, daß er im Interesse des großen ganzen, im Interesse des deutschen Vaterlandes zur Stützung des heutigen Staates verpflichtet ist. Ich wiederhole, meine Herren Kartellbrüder, daß das eine Selbstverständlichkeit ist. Darüber hätten wir heute nicht besonders zu sprechen brauchen, und wenn heute die Frage „Der K. C. und die Republik" besonders aufgeworfen und zum Gegenstände eines Referates gemacht worden ist, so sollte offenbar mehr damit gemeint sein. (Ls soll heute hier die Frage behandelt werden, ob der K. C. als solcher und ob die einzelnen K. C.-Derbände sich politisch betätigen sollen, d. h. also nach den eben gemachten Ausführungen sich in entschieden republikanischem Sinne betätigen sollen. Diese Frage hat sich aus den politischen Verhältnissen unseres Vaterlandes ergeben und aus der hochschulpolitischen Konstellation besonders. Bis zum Kriege war die Studentenschaft im all» gemeinen nicht politisch. Von der Bewegung von 1848 kann ich heute hier wohl absehen, weil sie 311 weit zurückliegt und weil sie auf die Verhältnisse an den deutschen Hochschulen seit den siebziger Jahren zum mindesten ohne jeden Einfluß gewesen ist. Die einzelnen Mitglieder der Corps und der anderen farbentragenden Korporationen waren im allgemeinen zwar gut konservativ, oder sie waren auch evtl. National-Liberale, aber die Korporation alS solche hatte für sich kein politisches Ziel. Ich darf in diesem Zusammenhänge darauf Hinweisen, daß die Corps mit der ausdrücklichen Tendenz deS „unpolitischen" gegründet waren, daß sie auf der Idee der Ehre und der Freundschaft aufgebaut waren und bewußt für sich jede politische Betätigung auSgeschaltet hatten. LS ist Ihnen auch bekannt, daß der Einfluß des Corps vor dem Kriege auf alle farbentragenden Korporationen ausschlaggebend gewesen ist. Ihre Tendenz war daher auch in der Tat für die anderen Verbände maßgebend. Dabei spielte kein« Rolle, ob die eine oder andere Korporation etwa im einzelnen davon abgewichen wäre. Nur ein Verband machte hiervon eine Ausnahme, der D.D.St., der Verein Deutscher Studenten. Dieser war von vornherein auS einer politischen Idee heraus geboren. Lr war der Vorkämpfer der alldeutschen Idee und gleichzeitig auch der Vorkämpfer des Antisemitismus. Der D.D.St. als solcher ist auf daS deutsche Studentenleben nicht von sehr großem Einfluß gewesen, und man kann daher wohl mit Recht die These ausstellen, baß die Studentenschaft im allgemeinen vor dem Kriege unpolitisch war. Diese Verhältnisse haben sich in der Nachkriegszeit von Grund auf geändert, und sie mußtensich ändern. Sie mußten sich ändern, well auf einmal die Zusammensetzung der Hörerschaft an all den Universitäten und Hochschulen ganz anders war, als wie sie die ganze Zeit über vor dem Kriege gewesen war. Vor dem Kriege waren achtzehnjährige, neunzehnjährige junge Menschen von der Schulbank auf die Universität, manchmal von dem Willen, etwas zu lernen, beseelt, meistens aber, jedenfalls für die ersten Semester, nur erfüllt von dem Gefühl der köstlichsten Freiheit, berauscht von dem Ideal eines ungebundenen und schönen Studentenlebens. Menschen zum meisten, welche aus gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen stammten, die mit einem gewissen Recht sich ihrem Leben voll Leichtsinn und Unbedachssamkeit hingeben konnten. Ich spreche hierbei selbstverständlich in erster Linie nur von den Studenten, die in farbentragenden Korporationen aktiv waren. Jetzt nach dem Kriege kam auf einmal ein ganz anderes Material von Menschen an die Hochschulen. Keine unbekümmerten, leichssinnigen Menschen mehr, sondern alles junge Männer, die das schreckliche furchtbare Erlebnis deS Weltkrieges hinter sich hatten, zudem meistens Menschen, die bis zuletzt an den Sieg unseres Vaterlandes geglaubt hatten und nun außerordentlich enttäuscht und innerlich zerbrochen waren. Cs kamen außerdem all diejenigen hinzu, die früher als Offiziere im Heere gedient hatten und die nun einen neuen Beruf sich suchen mußten und in größerer Zahl dem Studium sich zuwandten. Für alle galt, daß sie im allgemeinen viel älter waren, als die Studenten vor dem Kriege und daß sie überdies auch vor der Zeit gealtert waren, daß sie draußen im Felde meistens große Machtbefugnisse gehabt hatten, daß sie an ein freies und ungebundenes Leben gewöhnt waren und daß sie sich der geistigen intensiven SUbclt entwöhnt hatten. Durch alle diese jungen Menschen ging der Zug der Unbefriedigtheit. Sie sehnten sich nach früheren und glücklicheren Zeiten. ES gefiel ihnen nicht, daß sie plötzlich wieder wie Schüler von Grund auf ausbauen und lernen mußten. Hierzu kam. daß die wirtschaftlichen Verhältnisse immer schwieriger wurden und daß gerade die Kreis« des bürgerlichen Mittesstandes. dem zum größten Teil die Studenten ensstammten. ihr Vermögen dahinschwinden sahen und manches Mal die Not bet vielen Familien ständig zu Hause war. die sie vor dem Kriege kaum dem Namen nach gekannt hatten. Auch die Verhältnisse auf den Hochschulen sprachen selbst mit. Viel mehr Menschen ström-