Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (März 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3497353-3497361-3497362--256-3525942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ZIONISMUS UND SOZIALISMUS. Beiträge zur Diskussion. Ein Brief von Dr. Gustav Krofanker. Sehr geehrter Herr Dr. Lubinski, ich habe vor einigen Monaten (in der „Judischen Rundschau") an -der Grundeinstellung Ihrer Generation, die Sie die dritte nennen, Kritik geübt. Ich fand — allerdings immer nur soweit, als Ihre Zeitschrift wirklich als umfassender Ausdruck Ihres Kreises gewertet werden kann —, daß der Zionismus bei Ihnen nicht die Rolle eines geistig bewegenden Moments spielt, daß er vielmehr als etwas Unproblematisches, fest Gegebenes, nicht Errungenes, sondern fertig Vorhandenes, mit leichter Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird. Ich fand, daß alles wirkliche Leben sich um den Sozialismus als Problematisches, Aufgegebenes und zu erringendes Ziel konzentriert. Und itk fandx das in der Taft, zumin - dest bei Westjuden, nicht ganz in Ordnung; ich fand es sonderbar und ein wenig beängstigend. Sie haben darauf in Nr. 6 Ihrer Zeitschrift geantwortet, und es > dürfte hier einer der wenigen Fälle vorliegen, in denen eine Diskussion doch nicht ganz darin besteht, daß zwei aneinander vorbeireden, indem jeder einfach seins sagt. Im Grunde geben Ihre Ausführungen mir nicht nur recht, sie unterstreichen sogar, was ich gesagt habe; und wo Sie widersprechen, liegt ein Mißverständnis vor: da muß ich mich wohl also mißverständlich ausgedrückt haben. Und weil Sie betonen, daß Ihnen daran liegt, die ältere zionistische Generation ganz zu verstehen, (in Wirklichkeit übrigens haben Sie schon recht gut verstanden), und weil mir daran liegt, festzustellen, daß unsere ideologische Arbeit doch noch nicht Museumsstück und historisches Petrefact ist, soll auf unsere Diskussion noch einmal eingegangen sein. Sie geben zu, daß Ihre ganze Betrachtungsart, soweit sie das Jüdische betrifft, aus dem Osten kommt und für den Westen einfach übernommen wurde. Nun sehe ich zwar schon in Ihrem Ausgangspunkt eine unzulässige und bedenkliche Vereinfachung, weil das jüdische Volk leider auch im Osten nicht so selbstverständlichs existiert wie in den Blättern Ihrer Zeitschrift, und schon ganz bestimmt nicht inbezug auf den subjektiven Willen seiner Glieder, auf den es doch ankommt. Aber weil wir ausgesprochenermaßen von Westjuden reden, wozu Erscheinungsort und Sprache Ihrer Zeitschrift berechtigt, soll der Ausgangspunkt in diesem Zusammenhang unbesehen akzeptiert sein. Was dann bleibt, ist eine Folgerung, von der ich finde, daß $ie nicht weiter diskutiert werden kann. „Wir tun so, als ob die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk für uns selbstverständlich wäre". Aber so deutlich hätte "ich mich niemals zu äußern gewagt. Und ich will auch heute dies fatale Wörtchen „als ob" nicht zu ernst nehmen: sonst bliebe nur noch Rainm für eine Satire über die Als-Ob-Generation, deren Tun jedoch nicht verdient, d aß man sie nach ihrer Philosophie beurteilt. Nichtsdestoweniger wird sie diese Philosophie überwinden müssen. Oder wie lange denken Sie, einen so fragwürdigen Kunstgriff* eine so schemenhafte Fiktion aufrecht erhalten zu können? Doch bestimmt nicht länger, als bis der jugendliche Mensch in die Wirklichkeit eintritt, was längstens bis zur Berufsfähigkeit dauert. Dann fällt er aus den Als-Ob-Wolken. Nun wollen Sie ihn allerdings schnellstens 17