Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 170 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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führung anderer gesellschaftlicher Zustände ausgesprochen hat. Er hat dagegen sehr scharf gekennzeichnet, wie stark unsere gegenwärtige praktische Pädagogik als Bewahreren der herrschenden Gesellschaftszustände angesehen werden muß. Diese letzte Frage findet eine weitergehende und speziellere Darstellung in der neuen Bernfeldschen Schrift. Den tastenden Versuchen der neueren Pädagogik in Bezug auf die Aenderung unserer sozialen Verhältnisse stellt er die Sicherheit der bisherigen Pädagogik gegenüber, die zwar unter einem besonderen ideellen Vorwand erscheint, aber stets das genau und präzise verwirklicht, was nötig ist, um die bestehende Gesellschaft zu erhalten. Als ein Weg, in das bürgerliche Leben eine Bresche zu schlagen, erschien manchem die neue pädagogische Zelle des Landschulheims. Bernfeld weist überzeugend nach, daß auch dieser Versuch unabhängig von seinen Intention, immer dazu dient, die bürgerliche Gesellschaft zu erhalten, ja, sie zu verstärken. Er weist besonders auf die Gefahr hin, die darin besteht, daß die jungen Menschen im JLandschulheim von den Vorgängen der Wirtschaft überhaupt nichts sehen und hören und daher, ohne daß ihnen irgendetwas in dieser Richtung besonders gesagt wird, zu der Meinung kommen, daß die ganze Gesellschaft ein solches Lands chulheiml eben als öffentliche »Rentner« führe. Eine zweite Ursache der verbürgerlichenden Tendenz der Landschulheime sieht Bernfeld darin, daß hier die bürgerliche Kultur in einer besonders reinen Form von Lehrern geboten wird, die im Gegensatz zu dem „Studienrat" oftmals wirkliche Führer sind, sodaß auch der von ihnen gebotene Lehrstoff mit einer ganz anderen Intensität aufgenommen wird, als es sonst in der Schule üblich ist. Dieser Lehrstoff ist aber immer ein bürgerlicher. Von der Schulgemeinde im Landschulheim geht Bernfeld auf die Schulgemeinde in den öffentlichen Schulen über. Er gibt, unseres Wissens zum ersten Mal, einen kurzen geschichtlichen Abriß der Entwicklung der Schulgemeinde, wobei es auffällt, eine wie große Rolle in diesem Schulkampf Juden gespielt haben. An uns ziehen noch einmal die Erlasse des preußischen Kultusministers Adolf Hoffmann und seines Unterstaatssekretärs Gustav Wyneken vorüber, die aber schon 15 Tage nach der Revolution durch Konrad Hänisch außer Kraft gesetzt werden. Wir lernen den Widerstand einer an das Bürgertum fixierten Schülerschaft kennen, die Bernfeld sehr bezeichnend in die Gruppen des Schulkleinbürgers, des Revolutionärs und des Verbrechers teilt, alles in Anführungsstrichen gemeint, aber doch mit einer so guten Charakteristik vorgeführt, daß einem die Namen von Mitschülern bei jeder Kategorie einfallen und deren Bilder leibhaftig auftauchen, während man sich selbst mit einer gewissen Sorge fragt, in welche Kategorie man hineingehört hat. Bernfeld „entlarvt" auch hier die „revolutionäre41 Tendenz der Schulgemeinde in öffentlichen Schulen bei fortschrittlich gesinnten Lehrern, die die Schulgemeinde zu einem disziplinaren Ordnungsinstrument benutzen. Die Schulgemeinde erleichtert dann nur die Aufrechterhaltung der Ordnung und befriedigt gleichzeitig das auf Fortschritt gerichtete Gewissen neuzeitlicher Pädagogik. Bernfeld geht mit einer gewissen Sorge darauf ein, wie unsicher sozialistische Politiker den pädagogischen Fragen gegenüber sind und weist in einer Nebenbemerkung darauf hin, daß der sogenannte Aufstieg der Begabten für die proletarische Klasse als ganze immer nur zur Folge hat, daß einzelne besonders intelligente Jugendliche dem Proletariat verloren gehen und ins Bürgertum hinüberwechseln. Zum Schluß geht Bernfeld darauf ein, was eine Schulgemeinde zu tun hätte, die ihren Schulkampf als einen Teil des Klassenkampfes 170