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Der junge Jude · 1928-07-01 · Heft 5 (Juli 1928) · p. Seite 166

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Juli 1928)
Date
1928-07-01
Page
Seite 166 (sequence 32)
Language
German
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französische Revolution und damit das Bürgertum im modernen Vorkriegssinne geschaffen hat, in der das Erziehungswesen in seiner heutigen Gestalt und Ideologie, der Typus des höheren Schülers entstanden ist, auch die Entdeckung der Onanie als einer Krankheit, einer pädagogisch zu bekämpfenden „heimlichen Sünde" eben dieses Jugendtypus brachte. Es ist nicht unbegreiflich, wenn nun, da jenes Bürgertum einem neuen Typus Eaum gibt, der sich in Amerika besonders deutlich entwickelt, auch eine neue Form des Sexuallebens seiner Jugend sich durchsetzt. Die bürgerliche Jugend ist im Begriff, im Massenmaßstab an Stelle der Onanie eine den erwachsenen Formen ähnliche Befriedigung zu setzen. Die Psychologie wird zu untersuchen halben, inwieweit diese Sexualbetätigung von der Onanie wirklich, analytisch betrachtet, unterschieden ist. Lindsey gibt auch hierfür Anregungen, die dem Leser ■zu denken geben mögen. Dieser, meines Erachtens unbezweifelbaren Entwicklung innerhalb der bürgerlichen Jugend, steht anscheinend eine entgegengerichtete in der proletarischen Jugend gegenüber. In ihren kulturellen, politischen, sportlichen Organisationen lebt ein starker Drang nach sexueller Eeinheit, und wenn nicht alles täuscht, so gewinnt diese Tendenz in den letzten Jahren rasch und anhaltend Raum. Die Arbeiterjugend, in ihren organisierten Schichten, nähert sich in der sexuellen Frage entschieden der Ideologie der bürgerlichen Jugendbewegung und der Pädagogik des vergangenen Jahrhunderts. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß dies in der Wirklichkeit des sexuellen Jugendlebens gleichbedeutend ist mit: Ausbreitung und Vergrößerung der seelischen Bedeutung der Onanie. Wieweit hier international wirkende Tendenzen im Spiele sind, läßt sich derzeit bloß vermuten (denn obgleich die Arbeiterjugend mit dieser Ideologie in den Rang gesunder und reiner Jugend aufrückt, haben die Pubertätspsychologen ihr noch keine genügende Aufmerksamkeit geschenkt). Das Tagebuch des kleinen Kost ja schildert das Entstehen dieser neuen Ideologie in einem Jungenskopf und in einer Schule, es zeigt die Macht der sozialistischen Idee, in deren Namen hier eine — für Kostjas Lebensschicht — neuartige Sexualform gefunden wird. Vielleicht ist dies Buch ein Anzeichen für eine im internationalen Maßstab vor sich gehende Wandlung des Sexuallebens der proletarischen Jugend, wie das Lindseys für die entgegengesetzt verlaufende Wandlung der bürgerlichen Jugend. Nachdrückliehe Nachschrift: Für diese hinreißende, interessante Schrift Ognjews, die übrigens kaum ein Schülertagebuch, aber eine mutige Beschreibung der Wirklichkeit ist, möchte ich hier Leser werben, sie wird jeden nicht nur über die Frage der Sittenlosigkeit belehren, sondern steckt die stärksten Lichter auf über die Fragwürdigkeit unserer Schule, unseres Lehrerleibens, zeigt eine Schule im Werden, die von unserem Begriff der Schule so weit absteht, wie neurotische Verdrängung von Sublimierung im Dienste einer geliebten gesellschaftlichen Realität. Jeder sollte sie lesen. Nebenbei: Das Buch ist lustig, traurig, interessant und aufregend wie nur die besten und schlechtesten Romane sind. 166

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