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Der junge Jude · 1928-07-01 · Heft 5 (Juli 1928) · p. Seite 165

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Juli 1928)
Date
1928-07-01
Page
Seite 165 (sequence 31)
Language
German
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Bevolution, die vor ihrem Sehulabitur gelegentlich oder regelmäßig erwachsenen Sexualverkehr pflegten, und ebenso gab es: solche, die ohne eine im engeren Sinn des Wortes, sexuelle Befriedigung mehr oder weniger lang und konfliktlos auszukommen vermochten. Aber repräsentativ für das wirkliche Sexualleben der Jugend waren solche Typen nicht. Das wirkliche Sexualleben der Jugend, d. h. der höheren Schuljugend war die Onanie. Zwar ist die höhere Schuljugend nur eine dünne Schichte der Gesamtjugend, sie aber ist es vornehmlich, die Pädagogen und Psychologen vor Augen schwebt, sie ist es auch, an die die breite Oeffentlichkeit denkt. Auf sie bezog sich — und bezieht sich heute noch — jene Illusion, deren man sich nunmehr endgültig entledigen muß. Ueber das Sexualleben der proletarischen Jugend macht man sich selten Illusionen. Daß sie nicht asexuell, „gesund und rein" lebt, war so ziemlich bekannt. Dieser Klassenunterschied wurde eben mit Hilfe jener Illusion in einen Wertungs unterschied umgedeutet; man denkt etwa: die gebildete (in erster Linie bürgerliehe Schul-) Jugend weiß ihre Triebe zu bändigen, sie lebt asexuell; die ungebildeten, halb verwahrlosten Massen hingegen sind von jener Keinheit weit entfernt. Und dies traf insofern zu, als die Verbreitung und Bedeutung des Sexualverkehrs in der proletarischen Jugend unvergleichlich viel größer war, als in der gleichaltrigen bürgerlichen Jugend, die statt dessen als nahezu allbeherrschendes Zentrum ihres Sexual- und Jugendlebens die Onanie hatte. Hierin ist offenbar eine entscheidende Wandlung eingetreten. Ben Lindsey, der Vater des Jugendgerichtes, ein Mann von unvergleichlich großer Erfahrung und bewundernswürdigem Mut, versichert, daß die amerikanische bürgerliche Jugend (der höheren Schulen) sich den Sexual verkehr erobert hat — allen Hindernissen und der Blindheit ihrer Eltern zum Trotz. Lindsey gibt eine eingehende Darstellung der Formen, in denen sich dies neue Sexualleben abspielt. Dem Psychologen eröffnet diese Darstellung viele Probleme — hier genügt es, auf dies Buch nachdrücklich hinzuweisen und als höchst wichtiges Faktum zu betonen, daß geradedie weibliche Jugend an dieser Eroberung des Sexualverkehrs in sehr bedeutsamer Weise aktiv beteiligt ist. War das zentrale Problem der Vorkriegsjugend bürgerlicher Kreise die Onanie, so ist das der heutigen: Geschlechtskrankheit und Abtreibung. Lindsey lehrt das Faktum, seine Verbreitung in Amerika scharf sehen. Wir müssen es auch als für Europa giltig anerkennen, ehe an eine moralische Verwerfung oder an eine sittliche Billigung gedacht werden kann. Vor vorschneller Wertung warnt uns die Vergegenwärtigung der historischen Tatsache, daß die Jugend des 16. und 17. Jahrhunderts in Europa nicht anders lebte, als die von Lindsey im heutigen Amerika geschilderte. Man kann nicht behaupten, daß sie kulturlos, lebensunfähig und verkommen gewesen wäre, als die* Jugend des 19. Jahrhunderts, die sich der Onanie gewidmet hatte.. Sicherlich besteht eine Beziehung zwischen der kulturellen Wertig* keit einer Jugendgeneration und den gesellschaftlichen Formen ihres Sexuallebens, aber wie diese Andeutungen zeigen kann der Zusammenhang kein einfacher sein. Die wissenschaftlichen Grundlagen zu seiner Erkenntnis fehlen noch völlig. Immerhin ist es kaum Zufall, daß jene zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, die die 165

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