Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 164 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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liören, indem die Juden in einem eigenen nationalen Zentrum sich Berufen zuwenden, die die Zeit des Kapitalismus überdauern werden. Dr. SIEGFRIED BERNFELD : ZUR „SITTENLOSSGKEIT DER JUGEND" Aus den kulturellen Antipoden der heutigen Welt, aus Amerika und Kußland, erfahren wir durch zwei neue Bücher1) Tatsachen des Jugendlebens, die man kennen muß, um die heutige Jugend Deutschlands zu verstehen. Daß die deutsche Oeffentlichkeit das wirkliche Lehen ihrer eigenen Jugend nicht kennt, haben die beiden Prozesse Kolomak und Kranz gezeigt. In beiden stand, was immer der Gegenstand der Gerichtsverhandlung gewesen sein mag, inmitten des Publikumsinteresses die Offenbarung, daß unsere heranwachsende Jugend sich nicht ganz so benimmt, wie man von „gesunder und reiner" Jugend bisher anzunehmen bereit war, daß sie nämlich Sexualtriebe besitzt und von ihnen einen Gebrauch macht, den Sitte und Pädagogik dem Erwachsenen reserviert. Die Beurteilung dieser beiden Fälle, als völlig abnormaler Verbrechen war nicht durchführbar, man mußte zur Kenntnis nehmen, daß die Sittenlosigkeit in der Jugend weit, sogar allgemein verbreitet ist. XJnerörtert bleibe dabei, ob Kolomak und Kranz würdige und edle Vertreter der heutigen Jugend sind. Sicherlich aber geht es nicht an, in ihnen Einzelfälle zu sehen, geht es auch nicht an, sie als Symptome einer sich ausbreitenden moralischen Verkommenheit zu werten. Sie^ sind in Wahrheit Symptome einer Wandlung im Jugendleben, die sich vor unsern Augen vollzieht, aber nicht etwa bloß im bösen Berlin, oder in der finsteren Provinz Bremen, sondern ziemlich gleichartig in der ganzen Welt. Diese Wandlung lichtig zu beurteilen, muß man sich freilich vorerst einer Illusion -entledigen. Die „gesunde und reine" Jugend, wie sie unsere Pubertätspsychologen Ch. Bühler und Spranger hymnisch besingen, und von deren selbstverständlicher Existenz das Publikum überzeugt ist, gibt es nicht mehr, weil es sie nie gegeben hat. Die Wandlung von der jene Prozesse und die Bücher Zeugnis ablegen, ist nicht darin zu suchen, daß die Jugend früher asexuell gelebt hätte, und heute erst infolge des sittenverwildernden Weltkrieges (den übrigens die Besinger reiner Jugend seinerzeit selbst gepriesen hatten) den Begierden ohne sittliche Bändigung preisgegeben wäre. Die Pubertät und spätere Jugendzeit hat immer ihren Sexualtrieb zu befriedigen gewußt. Jedoch die soziale Form der jugendlichen Sexualbetätigung ist tatsächlich gegenwärtig in tiefgreifender Wandlung begriffen. Was hinter den Illusionen der Oeffentlichkeit, hinter den Idealen der Pädagogik und hinter der Verschwiegenheit der Jugend an Sexualbefriedigung genossen wurde: war die Onanie. Natürlich gab es Jugendliche auch vor Krieg und *) Ben B. Lindsey. Die Revolution der modernen Jugend. Deutsche Verlags-Anstalt. Stuttgart. 1927. 2) Nikolai Ognjev. Das Tagebuch des Schülers Kost ja Rjabzev. Verlag <ler Jugendinternationale. Berlin O 17. 1928. 164