Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 163 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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„Wir glauben, daß die jüdischen Arbeiter in Galizien und in der Bukowina, sobald sie ihre eigenen Interessen erkennen, die abgesonderten Judensehulen (als Hauptforderung der nationalen Autonomie) nicht verlangen können. Zunächst widerstreitet die Absonderung der jüdischen Kinder den wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Arbeiter." Wenn es möglich werden soll, daß die Juden in allen Produktionszweigen ihre 'Arbeitsstellen finden sollen, so müssen sie kulturell dem modernen Arbeiter der andern Nationen ähnlich werden. Die Erhaltung der jüdischen Sonderart bedeutet „Stärkung ihrer alten Ideologie, ihrer alten sozialen Psychologie, die erst überwunden werden muß, damit sie zum großen Kampfe fähig werden". Und nun der sehr wesentliche Satz: „Der deutsche Arbeiter fordert für den tschechischen die nationale Autonomie, versagt sie aber der jüdischen Nation. Die kapitalistische Produktionsweise erhebt die Tschechen zum Bange einer historischen Nation, während sie die Juden als Nation aufhebt, sie den Kulturgemeinschaften der europäischen Nationen zuführt." So fordert die von Bauer entwickelte evolutionistisch-nationale Politik von den Juden die Preisgabe ihrer nationalen Sonderart. „Aber in seiner natürlichen Veranlagung bleibt doch immer das Schicksal des jüdischen Volkes wirkende Kraft, jenes Schicksal, das seinen Ahnen durch natürliche Anlage einen scharf ausgeprägten körperlichen Typus, eine eigenartige geistige Veranlagung angezüchtet hat." Die Frage, ob dieser ausgeprägte Typus bestehen bleiben kann, kann nach Bauer nur durch „junger Männer Liebeswerben, junger Frauen Liebeswahl" entschieden werden. Wir sind auch hier anderer Ansicht. Wohl sehen wir, daß das Liebeswerben und die Liebeswahl Juden und Nichtjuden zusammenführt. Wir sehen aber auch, daß die Lebenskraft der jüdischen Nation sich nicht ohne weiteres ihrem scheinbar von der Oekonomik diktierten Sckicksal unterwerfen will. Wir können vor allen Dingen nicht jenes Ausnahmegesetz begreifen, unter dem die jüdische Nation stehen soll, wonach ihre Pflicht vom Standpunkt des Sozialismus aus die Aufgabe der nationalen Eigenart ist, während für alle andern Nationen die Ausprägung dieser Eigenart auch nach Bauer höchstes Gesetz ist. Bauer kommt zu seiner Folgerung, weil er an die Lebenskraft der jüdischen Nation nicht glauben will. Keine Beobachtung und keines der Kriterien, die nach Bauer eine Nation ausmachen., berechtigten Bauer dazu, das kulturelle und nationale Streben der jüdischen Massen als weniger real zu bezeichnen als das Nationalgefühl der Tschechen. Es ist auch nach der Theorie von Otto Bauer nicht bewiesen, daß die sogenannten absoluten Minderheiten, d. h. diejenigen, die in keinem Lande eine Mehrheit bilden, zum nationalen Untergang verurteilt sind. Den jüdischen Arbeiter des Ostens trifft sein besonderes Schicksal als Jude, nicht romantisches Nationalgefühl, sondern auf Gemeinsamkeit des Schicksals beruhende Schicksalsgemeinsohaft ist die ungeheuer reale Basis dieser Bewegung. Der Kapitalismus, der dem Judentum seine Lebensfunktion genommen hat, hat gleichzeitig im jüdischen Volke die Kräfte ausgebildet, die es ihm ermöglichen, auch noch der Familie der sozialistischen Völker anzuge- 163