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Der junge Jude · 1928-07-01 · Heft 5 (Juli 1928) · p. Seite 162

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Juli 1928)
Date
1928-07-01
Page
Seite 162 (sequence 28)
Language
German
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des Ostens übersieht. Uneinig kann man aber schon mit ihm sein bei der Beurteilung der jiddischen Sprache und Literatur, der jiddischen Kultur überhaupt. Zweifellos ist die jiddische und hebräische Literatur in einem ständigen Wachstum begriffen, zweifellos ergreifen die jiddische und hebräische Sprache immer größere Gebiete des Lebens, wenn auch der Umfang der sie Sprechenden kleiner wird. Sicher sind Uebersetzungen aus allen Teilen der Weltliteratur in den jüdischen Sprachen in größerem Umfange vorhanden als bei manch einer anderen erwachenden, geschichtslosen Nation. Für uns als Zionisten ist aber vor allen Dingen wichtig die Folgerung, die Bauer aus dem Vergleich zwischen der tschechischen und der jüdischen Nation zieht. Bauer prophezeit den Untergang der jüdischen Nation. Sie habe innerhalb des Kapitalismus ihre Sonderaufgabe verloren. Er vertraut den erwachenden Kräften der Wiedergeburt der jüdischen Nation deshalb nicht, weil sie anders als die tschechische Nation kein nationales Zentrum besitzt, aus dem die verstreut lebenden Minderheiten immer wieder neue Kräfte beziehen können. Muß diese Feststellung nicht, konsequent zu Ende gedacht, zum Zionismus führen? Auch wir erkennen, daß ohne ein jüdisches Zentrum das Erwachen der jüdischen Nation ein letztes Aufflackern vor dem Untergang bedeutet. Wegen dieser Erkenntnis sind wir Zionisten. Durch Palästina soll den verstreut lebenden jüdischen nationalen Minderheiten ein neues Kraftzentrum gegeben werden. Wir sind uns dabei des Unterschiedes des von uns gewollten nationalen Zentrums in Palästina von dem Zentrum etwa der tschechischen Siedlung durchaus bewußt. Wir sehen, daß die tschechische Siedlung besteht, während das jüdische Zentrum von uns erst gewollt und geschaffen werden muß. Wir sehen auöh, daß der Zusammenhang zwischen der zentralen tschechischen Siedlung mit den Gebieten der tschechischen Minderheiten rein territorial ein viel engerer und näherer ist als der zwischen Palästina und den Wohnplätzen der jüdischen Minderheiten in Europa und Amerika. Bauer nimmt zwar zu der zionistischen Bewegung keine Stellung. Es ist aber wichtig, bei der Behandlung der nationalen Frage auch das Moment des nationalen Willens, der hier bedeutet den Willen zur eigenen Existenz, mit in Eechnung zu stellen. Die sozialistische» Bewegung ist auch eine Bewegung, die entstanden ist aus einer gegebenen gesellschaftlichen Situation. Sie kann ihre Menschheitsbedeutung nur dadurch behalten, wenn Menschen aus der E r - kenntnis der gegebenen Situation einen Weg versuchen, den letzten Sinn dieser Situation fruchtbar zu machen. Wir, sozialistische Zionisten, erkennen mit Bauer die Lage des jüdischen Volkes. Vieles, was er 1905 gesagt hat über das Aufhören der jüdischen Nation, ist durch die Ereignisse der Kevolution und der Nachkriegszeit, insbesondere in Eußland noch verstärkt worden. Aber auch in uns ist der Wunsch vorhanden, gemäß der Erkenntnis unserer Situation das ihr entsprechende zu wollen: d. h. für uns, dem jüdischen Volke wieder ein Zentrum geben. Und doch kommt Otto Bauer, wie schon angedeutet ist. bezüglich der Prognose des jüdischen Volkes zu ganz anderen Ergebnissen. So fragt er, ob die kulturelle Autonomie für die Juden Oesterreichs gefordert werden soll, und verneint diese Frage: 162

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