Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 161 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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haben. Er beobachtet „das soziale Erwachen der unteren Klassen* das Erwachen ihres Selbstbewußtseins". Er fragt sich daher, wodurch sich das Erwachen der jüdischen Nation, das Vordringen revolutionären Geistes und das Eindringen des nationalen Gedankens auch in die Oberschichten der jüdischen Bevölkerung von dem Erwachen z. B. der tschechischen Nation unterscheidet, dessen Bedeutung gerade für die sozialistische Bewegung von Bauer erkannt und beschrieben worden ist. Bauer sieht den Unterschied darin, daß die Tschechen in dichten Siedlungsgebieten leben, die Juden dagegen überall Minderheiten sind. „Die enge Verkehrsgemeinsehaft der Tschechen wird notwendig zur Kulturgemeinschaft." Zwar erkennt Bauer, daß ein eigenes Territorium nicht unbedingte Voraussetzung der Nation ist* aber es muß nach ihm immer nationale Zentren geben, aus denen die verstreut lebenden Minderheiten ihre Ergänzung und Auffrischung erhalten, um den Kampf um ihre nationale Erhaltung führen zu können. „Es ist die Kraft der nationalen Entwicklung der Heimat, welche sie auch noch im fremden Lande national erhält." In diesem Punkte kann zunächst eine Stellungnahme von uns zu den Gedankengängen Bauers erfolgen. Wenn wir selbst vor die "Frage gestellt sind, was die Juden im Laufe der Geschichte erhalten hat, so wissen wir, daß von den verschiedenen jüdischen Standpunkten aus verschiedene Antworten auf diese Frage gegeben werden. Da ist eine Antwort, die sagt, daß die Erhaltung nur möglich gewesen ist durch die jüdische Keligion. lüine andere, die als Ursache für die Erhaltung die Auffassung der ersten Propheten erkennt, die gesagt haben, das jüdische Volk müsse leben, um das Ende der Geschichte erleben zu können. Das jüdische Volk, dasschon so viel Völker neben sich sterben sah, habe gelernt, sich von der Stärke nicht imponieren zu lassen und warte darauf, da£> es Zeuge des Kommens des messianischen Eeiches werde- Die Verbundenheit zwischen Gctt und seinem auserwählten Voike lasse dieses. Volk nicht sterben. Im Gegensatz zu dieser Auffassung begründet Bauer die Fortexistenz der Juden durch die Jahrhunderte aus ihrer besond-eren Funktion innerhalb der Wirtschaft. Wir werden von unserem Standpunkt aus sagen, daß diese Begründung bis zu einem sehr großen Grade richtig ist. Für Mittel- und Osteuropa sind die Juden die Träger der Geldwirtschaft gewesen. Wenn ihre Umgebung diese Funktion der Geldwirtschaft erlernt und übernommen hatte, nahm die Judenwanderung ihren Fortgang. Wir sind uns dabei darüber klar, daß diese Erklärung nicht bis ins Letzte zureichend ist. Besonders deshalb, weil die Perioden des frühen Mittelalters, aber auch die Zeit des spanisch-maurischen Judentums in Bezug auf dieso Frage noch nicht untersucht worden sind, wie denn überhaupt die Stellung der Juden innerhalb der anderen handeltreibenden Völker von diesem Gesichtspunkte aus ein noch ungeklärtes Problem ist* Wir werden aber den starken Wahrheitsgehalt der Bauerschen Erkenntnis zumindest für die Entwicklung der europäischen Juden im ausgehenden Mittelalter und in der Neuzeit nicht zu verkennen haben. Wichtig ist für uns auch die Feststellung, daß Bauer keineswegs den gegenwärtigen nationalen Charakter wenigstens der Juden 16t