Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 160 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Otto Bauer nimmt zur Judenfrage Stellung, indem er davon ausgeht, daß im Jahre 1905 in Galizien eine Gruppe jüdischer Arbeiter aus der allgemeinen sozialdemokratischen Organisation ausgeschieden ist und eine besondere jüdische Sektion gebildet hat. Von diesem, zunächst nur die Sozialdemokratie betreffenden Umstände aus, rollt Bauer die Frage der nationalen Autonomie der Juden in einem besonderen Kapitel auf.2) Die Ueberschrift dieses Kapitels lautet: „Nationale Autonomie "der Juden1?" Schon die Interpunktion der Ueberschrift läßt einen Schluß auf die von Bauer auf diese Frage gegebene Antwort zu. Wir werden zwar sehen, daß die Ansichten Otto Bauers sich von denen, die Karl Marx in seiner Schrift „Zur Judenfrage" entwickelt hat, dadurch sehr erheblich unterscheiden, daß Bauer der ganzen Frage mit sehr viel mehr Gerechtigkeit, mit viel weniger Haß gegen die Juden gegenübersteht, als dies bei Marx der Fall gewesen ist. Bauer sieht ja auch eine große jüdische Arbeiterbewegung vor sich, deren sozialistische Qualität von ihm nicht angezweifelt wird, während Marx noch die Gleichung Jude Eepräsentant des modernen Kapitalismus aufstellen konnte. Dennoch ist in der Beweisführung beider sozialistischer Denker viel Verwandtes, insbesondere, wenn sie sich die Frage vorlegen, wodurch sich die Juden im Laufe der Geschichte erhalten haben. Marx hat darauf bekanntlich die Antwort gegeben, daß die Juden sich nicht trotz der Geschichte, sondern durch die Geschichte erhalten haben, daß „die Wirtschaft immer wieder aus ihren Eingeweiden den Juden erzeuge". In einer weniger anschaulichen Ueberspitzung sucht Otto Bauer ebenfalls aus den Gründen der Oekonomik die Frage der bisherigen Existenz der Juden und die Frage ihres künftigen Schicksals zu beantworten. Bauer sagt, der Jude war „der Vermittler der Warenzirkulation und der Zirkulation des Geldkapitals in einer Gesellschaft, die auf der Gütererzeugung für den eigenen Bedarf ruhte. Der Bauer ist der Träger der Naturalwirtschaft, der Jude verkörpert die Geldwirtschaft. Dieses Verhältnis dauert überall so lange, solange nicht der Kapitalismus die ganze Masse der Bevölkerung in die Warenproduktion, in die Geldwirtschaft einbezieht". Marx bezeichnet das mit der Formel: „die Christen werden zu Juden". Dennoch gesteht Bauer zu, daß die Juden selbst in West- und Mitteleuropa noch nicht aufgehört haben, eine Nation zu sein. Aber die gegenwärtige Zeit trifft sie im Begriff, ihre nationale Existenz zu verlieren. Das Bürgertum im Westen und auch im Osten hat sich durch den Assimilationsprozeß dem Zusammenhang der Nation entzogen, im Osten „dagegen leben noch Millionen nicht assimilierter Juden, die überwiegend den unteren Volksschichten angehören". Die Juden sind daher, sofern sie noch Nationalcharakter tragen, eine geschichtslose Nation, d. h. eine solche, die ihre kulturtragende Oberschicht verloren hat. Bauer behauptet nun, daß die Kultur dieses Eestes der jüdischen Nation verkümmert, seine Sprache verkommen ist und daß es dort keine nationale Literatur gibt. Das Erwachen einer nationalen jüdischen Bewegung bleibt Bauer nicht verborgen. Er sieht in ihr dieselben Kräfte, die auch sonst zum Erwachen der anderen geschichtslosen Nationen geführt 2) S. 366 ff. 160 W»iPHS^